Tragödien, ck>3
Helena.
jTrvilus und Crcssida.)
Dieses ist die schöne Helena, deren Geschichte ich euch nicht ganzerzählen und erklären kann; ich müßte denn mit dem Ei der Ledabeginnen.
Ihr Titularvater hieß Thndarus, aber ihr wirklich geheimer Er-zenger war ein Gvtt, der in der Gestalt eines Vvgels ihre gcbenedeitcMutter befruchtet hatte, wie dergleichen im Altertum oft geschah. Früh-verheiratet ward sie nach Sparta; doch bei ihrer außerordentlichenSchönheit ist es leicht begreiflich, daß sie dort bald verführt wurde,und ihren Gemahl, den König Menelaos, zum Hahnrei machte.
Meine Damen, wer von euch sich ganz rein fühlt, Werse denersten Stein ans die arme Schwester. Ich will damit nicht sagen,daß es keine ganz treuen Frauen geben könne. War doch schon daserste Weib, die berühmte Eva, ein Muster ehelicher Treue. Ohneden leisesten Ehebrnchsgedankcn wandelte sie an der Seite ihres Ge-mahls, des berühmten Adam, der damals der einzige Mann in derWelt war, und ein Schurzfell von Feigenblättern trug. Nur mitder Schlange konversiertc sie gern, aber bloß wegen der schönen fran-zösischen Sprache, die sie sich dadurch aneignete, wie sie denn über-haupt nach Bildung strebte. O, ihr Evastöchter, ein schönes Beispielhat euch eure Stamm-Mutter hinterlassen! . . .
Frau Venus, die unsterbliche Göttin aller Wonne, verschafftedem Prinzen Paris die Gunst der schönen Helena; er verletzte dieheilige Sitte des Gastrechts, und entfloh mit seiner holden Beute nachTroja, der sicheren Burg . . . was wir alle ebenfalls unter solchenUmständen gethan hätten. Wir alle, und darunter verstehe ich ganzbesonders uns Deutsche, die wir gelehrter sind als andere Völker,und uns von Jugend auf mit den Gesängen des Homer beschäftigen.Die schöne Helena ist unser frühester Liebling, und schon im Knaben-alter, wenn wir auf den Schulbänken sitzen und der Magister unsdie schönen griechischen Verse expliziert, wo die trojanischen Greisebeim Anblick der Helena in Entzückung geraten . . . dann pochenschon die süßesten Gefühle in unserer jungen unerfahrenen Brust . . .Mit errötenden Wangen und unsicherer Zunge antworten wir aufdie grammatischen Fragen dcS Magisters . . . Späterhin, wenn wirälter und ganz gelehrt und sogar Hexenmeister geworden sind, undden Teufel selbst beschwören können, dann begehren wir von demdienenden Geiste, daß er uns die schöne Helena von Sparta verschaffe.Ich habe es schon einmal gesagt^), der Johannes Faustus ist der
*) Bei Gelegenheit der Besprechung von Goethes Faust — „RomantischeSchule", erstes Buch.
Aunicrknng des Herausgebers.