Tragödien. 93
Idealität emporschwingen, dringt unser moderner Tragiker mehr indie Tiefe der Dinge; er gräbt mit scharfgcwepter Geistcsschaufcl inden stillen Boden der Erscheinungen, und entblößt vor unseren Augenihre verborgenen Wurzeln. Im Gegensap zu den antiken Tragikern,die, wie die antiken Bildhauer, nur nach Schönheit und Adel rangen,und auf Kosten des Gehaltes die Form verherrlichten, richtete Shake-speare sein Angenmerk zunächst auf Wahrheit und Inhalt; daherseine Meisterschaft der Charakteristik, womit er nicht selten, an dieverdrießlichste Karikatur streifend, die Helden ihrer glänzenden Har-nische entkleidet und in dem lächerlichsten Schlafrocke erscheinen laßt.Die Kritiker, welche „TroiluS und Cressida" nach den Prinzipiell be-urteilten, die Aristoteles aus den besten griechischen Dramen ab-strahiert hat, mußten daher in die größten Verlegenheiten, wo nichtgar in die possierlichsten Irrtümer geraten. Als Tragödie war ihnendas Stück nicht ernsthaft und pathetisch genug; denn alles darin gingso natürlich von statten, fast wie bei uns; und die Helden handeltenebenso dumm, wo nicht gar gemein, wie bei uns; und der Haupt-Held ist ein Laps und die Heldin eine gewöhnliche Schürze, wie wirderen genug unter unseren nächsten Bekannten wahrnehmen .. . undgar die gefeiertesten Namenträgcr, Renommees der heroischen Vorzeit,z. B. der große Pelide Achilles, der tapfere Sohn der Thctis, wiemiserabel erscheinen sie hier! Auf der andern Seite konnte auch dasStück nicht für eine Komödie erklärt werden; denn vollströmig floßdarin das Blut, und erhaben genug klangen darin die längsten Redender Weisheit, wie z. B. die Betrachtungen, welche Ulysses über dieNotwendigkeit der Auktoritas anstellt, und die bis auf heutige Stundedie größte Beherzignng verdienten.
Nein, ein Stück, worin solche Reden gewechselt werden, das kannkeine Komödie sein, sagten die Kritiker, und noch weniger durften sieannehmen, daß ein armer Schelm, welcher, wie der Turnlehrer Mnß-mann, blutwenig Latein und gar kein Griechisch verstand, so ver-wegen sein sollte, die berühmten klassischen Helden zu einem Lust-spiele zu gebrauchen!
Nein, „TroiluS und Cressida" ist weder Lustspiel noch Traner-spiel im gewöhnlichen Sinne; dieses Stück gehört nicht zu einerbestimmten Dichtungsart, und noch weniger kann man es mit denvorhandenen Maßstäben messen — es ist Shakespeares eigentümlichsteSchöpfung. Wir können ihre hohe Vortrefflichkeit nur im allgemeinenanerkennen; zu einer besonderen Beurteilung bedürften wir jener neuenÄsthetik, die noch nicht geschrieben ist.
Wenn ich nun dieses Drama unter der Rubrik „Tragödien" ein-registriere, so will ich dadurch von vornherein zeigen, wie streng iches mit solchen Überschriften nehme. Mein alter Lehrer der Poetikim Gymnasium zu Düsseldorf bemerkte einst sehr scharfsinnig i „Die-