ZV Shakespeares Mädchen und Frauen.
verdanken wir dem berühmten Schröder, welcher auch einige derbesten Dramen Shakespeares für die deutsche Bühne zuerst bearbeitete.Wie Garrick, so hat auch Schröder weder die Poesie noch die Kunstbegriffen, die sich in jenen Dramen offenbart, sondern er that nureinen verständigen Blick in die Natur, die sich darin zunächst aus-spricht; und weniger sucht er die holdselige Harmonie und die innereVollendung eines Stücks, als vielmehr die einzelnen Charakteredarin mit der einseitigsten Naturtreue zu reproduzieren. Zu diesemUrteil berechtigen mich sowohl die Traditionen seines Spieles, wiesie sich bis heutigen Tag auf der Hamburger Bühne erhielten, alsauch seine Bearbeitungen der Shakcspcareschen Stücke selbst, worinalle Poesie und Kunst verwischt ist, und nur durch Zusammenfassungder schärfsten Züge eine feste Zeichnung der Hauptcharaktere, einegewisse allgemein zugängliche Natürlichkeit hervortritt.
Aus diesem Systeme der Natürlichkeit entwickelte sich auch dasSpiel des großen Devrient, den ich einst zu Berlin gleichzeitig mitdem großen Wolf spielen sah, welcher letztere in seinem Spiele viel-mehr dem Systeme der Kunst huldigte. Obgleich, von den ver-schiedensten Richtungen ausgehend, jener die Natur, dieser die Kunstals das Höchste erstrebte, begegneten sie sich doch beide in der Poesie,und durch ganz entgegengesetzte Mittel erschütterten und entzücktensie die Herzen der Zuschauer.
Weniger als man erwarten durfte, haben die.Musen der Musikund der Malerei zur Verherrlichung Shakespeares beigetragen.. Warensie neidisch auf ihre Schwester Melpomeue und Thalia, die durch dengroßen Briten ihre unsterblichsten Kränze ersicgt? Außer „Romeound Julia" und „Othello", hat kein Shakespcaresches Stück irgendeinen bedeutenden Komponisten zu großen Schöpfungen begeistert.Der Wert jener tönenden Blumen, die dem jauchzenden Nachtigall-herzen Zingarellis entsprossen, brauche ich ebensowenig zu lobenwie jene süßesten Klänge, womit der Schwan von Pesaro die ver-blutende Zärtlichkeit Desdemonas und die schwarzen Flammen ihresGeliebten besungen hat! Die Malerei, wie überhaupt die zeichnendenKünste, haben den Ruhm unseres Dichters noch kärglicher unterstützt.Die sogenannte Shakespeare-Galerie in Pall-Mall zeugt zwar von demguten Willen, aber zugleich von der kühlen Ohnmacht der britischenMaler. Es find nüchterne Darstellungen, ganz im Geiste der älterenFranzosen, ohne den Geschmack, der sich bei diesen nie ganz verleugnet.Es giebt etwas, worin die Engländer ebenso lächerliche Pfuschersind wie in der Musik, das ist nämlich die Malerei. Nur im Fache desPorträts haben sie Ausgezeichnetes geleistet, und gar wenn sie dasPorträt mit dem Grabstichel, also nicht mit Farben, behandeln können,übertreffen sie die Künstler des übrigen Europa. Was ist der Grundjenes Phänomens, daß die Engländer, denen der Farbensinn so