83 Shakespeares Mädchen und Frauen.
Ach, dieser Tieck, welcher einst ein Dichter war und, wo nichtzu den höchsten, doch wenigstens zn den hochstrebcnden gezählt wurde,wie ist der seitdem heruntergekommen! Wie kläglich ist das abge-haspelte Pensum, das er uns jetzt jährlich bietet, im Bergleiche mitden freien Erzeugnissen seiner Muse ans der früheren mondbeglänztenMärchenweltzeit! Ebenso lieb, wie er uns einst war, ebenso wider-wärtig ist er uns hetzt, der ohnmächtige Neidhart, der die begeistertenSchmerzen deutscher Jugend in seinen Klatschnovellen verleumdet!Auf ihn passen so ziemlich die Worte Shakespeares: „Nichts schmecktso ekelhaft wie Süßes, das in Verdorbenheit überging; nichts riechtso schnöde wie eine verfaulte Lilie!"
Unter den deutschen Kommentatoren des großen Dichters kannman den seligen Franz Horn nicht unerwähnt lassen. Seine Er-läuterungen Shakespeares sind jedenfalls die vollständigsten, und be-tragen fünf Bände, Es ist Geist darin, aber ein so verwaschenerund verdünnter Geist, daß er uns noch unerquicklicher erscheint alsdie geistloseste Beschränktheit, Sonderbar, dieser Mann, der sich ausLiebe für Shakespeare sein ganzes Leben hindurch mit dem Studiumdesselben beschäftigte und zu seinen eifrigsten Anbetern gehört, warein schwachmatischer Pietist, Aber vielleicht eben das Gefühl seinereigenen Seelenmattigkeit erregte bei ihm ein beständiges BewundernShakespcarescher Kraft, und wenn gar manchmal der britische Titanein seinen leidenschaftlichen Scencn den Pclion auf den Ossa schlendertund bis zur Himmelsburg hinanstürmt, dann fällt dem armen Er-läutercr vor Erstaunen die Feder aus der Hand, und er seufzt undflennt gelinde. Als Pietist müßte er eigentlich, seinem frömmelndenWesen nach, jenen Dichter hassen, dessen Geist, ganz getränkt vonblühender Götterlust, in jedem Worte das freudigste Heidentum atmet;er müßte ihn hassen, jenen Bekenner des Lebens, der, dem Glanbendes Todes heimlich abhold und in den süßesten Schauern alterHeldenkraft schwelgend, von den traurigen Seligkeiten der Demutund der Entsagung und der Kopfhängerei nichts wissen will! Aberer liebt ihn dennoch, und in seiner unermüdlichen Liebe möchte erden Shakespeare nachträglich zur wahren Kirche bekehren; er kom-mentiert eine christliche Gesinnung in ihn hinein; sei es frommerBetrug oder Selbsttäuschung, die christliche Gesinnung entdeckt erüberall in den Shakespcareschen Dramen, und das fromme Wasserseiner Erläuterungen ist gleichsam ein Taufbad von fünf Bänden,welches er dem großen Heiden auf den Kopf gießt.
Aber, ich wiederhole es, diese Erläuterungen sind nicht ganzohne Geist, Manchmal bringt Franz Horn einen guten Einfall zurWelt; dann schneidet er allerlei langweilig süß-säuerliche Grimassen,und greint und dreht sich und windet sich auf dem Gebärstuhl desGedankens; und wenn er endlich mit dem guten Einsall nieder-