Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

Shakespeares Mädchen und Frauen. 87

dramatische Dichter bedienen mußte, er mochte sie nun seinem Geniuspassend finden oder nicht. Man braucht nur fluchtig in DodsleysLiolksotüon crk olä zu blättern, und man bemerkt, daß in

allen Tragödien und Lustspielen damaliger Zeit dieselbe Sprcchartherrscht, derselbe Euphnismus, dieselbe Übertreibung der Zierlichkeit,geschraubte Wortbildung, dieselben Concetti, Witzspiele, Geistesschnörke-teien, die wir ebenfalls bei Shakespeare finden, und die von beschränk-ten Köpfen blindlings bewundert, aber von dem einsichtsvollen Leser,wo nicht getadelt, doch gewiß nur als eine Äußerlichkeit, als eine Zeitbc-dingnng, dicnotwendigcrweise zu erfüllen war, entschuldigt werden. Nurin den Stellen, wo der ganze Genius vou Shakespeare hervortritt, Ivoseine höchsten Offenbarungen laut werden, da streift er auch jene traditio-nelle Theatersprache von sich ab, und zeigt sich in einer erhaben-schönenNacktheit, in einer Einfachheit, die mit der ungeschminkten Natur wett-eifert und uns mit den süßesten Schauern erfüllt. Ja, wo solche Stellen,da bekundet Shakespeare auch in der Sprache eine bestimmte Eigentüm-lichkeit, die aber der metrische Übersetzer, der mit gebundenen Wortfüßcndem Gedanken nachhinkt, nimmermehr getreu abspiegeln kann. Bei demmetrischen Übersetzer verlieren sich diese außerordentlichen Stellen in demgewöhnlichen Geleise der Theatersprache, und auch Herr Schlegel kanndiesem Schicksal nicht entgehen. Wozu aber die Mühe des metrischenÜbersctzcns, wenn eben das Beste des Dichters dadurch verlorengeht, undnur das Tadelhafte wiedergegeben wird? Eine Übersetzung in Prosa,welche die prunklose, schlichte, naturähnliche Keuschheit gewisser Stellenleichter reproduziert, verdient daher gewiß den Vorzug vor der metrischen.

In unmittelbarer Nachfolge Schlegels hat sich Herr L. Tieck alsErläuterer Shakespeares einiges Verdienst erworben. Dieses geschahnamentlich durch seine dramaturgischen Blätter, welche vor vierzehnJahren in der Abendzeitung erschienen sind, und unter Theater-licbhabern und Schauspielern das größte Aufsehen erregten. Esherrscht leider in jenen Blättern ein breitbeschanlicher langwür-diger Belehrnngston, dessen sich der liebenswürdige Taugenichts,wie ihn Gutzkow nennt, mit einer gewissen geheimen Schalkheit be-flissen hat. Was ihm an Kenntnis der klassischen Sprachen, oder garan Philosophie abging, ersetzt er durch Anstand und Spaßlosigkeit,und man glaubt Sir John auf dem Sessel zu sehen, wie er demPrinzen eine Standrcde hält. Aber trotz der weitbanschigen, dok-trinellen Gravität, worunter der kleine Ludwig seine philologischeund philosophische Unwissenheit, seine iKnoruntia zu verbergen sucht,befinden sich in den erwähnten Blättern die scharfsinnigsten Bemer-kungen über die Charaktere der Shakespearcschen Helden, und hierund da begegnen wir sogar jener poetischen Anschannngsftthigkeit, diewir in den früheren Schriften des Herrn Tieck immer bewundert undmit Freude anerkannt haben.