86 Shakespeares Mädchen und Frauen.
oder auch von Puderstaub, erbleichten. Mau könnte behaupten, dieganze Lcssingsche Dramaturgie sei im Interesse Shakespeares geschrieben.
Nach Lessing ist Wieland zu nennen. Durch seine Übersetzungdes. großen Poeten vermittelte er noch wirksamer die Anerkennungdesselben in Deutschland. Sonderbar, der Dichter des Agathon undder Musarion, der tändelnde cmvalisrs ssrvsnts der Grazien, derAnhänger und Nachahmer der Franzosen: er war es, den ans ein-mal der britische Ernst so gewaltig erfaßte, daß er selber den HeldenaufS Schild hob, der seiner eigenen Herrschaft ein Ende machen sollte.
Die dritte große Stimme, die für Shakespeare in Deutschlanderklang, gehörte unserem lieben, teuren Herder, der sich mit unbedingterBegeisterung für ihn erklärte. Auch Goethe huldigte ihm mit großemTrompetentusch; kurz, es war eine glänzende Reihe von Königen,welche, einer nach dem andern, ihre Stimme in die Urne warfen,und den William Shakespeare zum Kaiser der Litterntur erwählten.
Dieser Kaiser saß schon fest ans seinem Throne, als auch derRitter August Wilhelm von Schlegel und sein Schildknappe, der Hof-rat Ludwig Tieck, zum Handkusse gelangten, und aller Welt vcrsicherten, jetzt erst sei das Reich auf immer gesichert, das tausend-jährige Reich des großen William.
Es wäre Ungerechtigkeit, wenn ich Herrn A. W. Schlegel dieVerdienste absprechen wollte, die er durch seine Übersetzung der Shakespeareschen Dramen und durch seine Vorlesungen über dieselben er-worben hat. Aber ehrlich gestanden, diesen letzteren fehlt allzusehrder philosophische Boden; sie schweifen allzu oberflächlich in einemfrivolen Dilettantismus umher, und einige häßliche Hintergedankentreten allzu sichtbar hervor, als daß ich darüber ein unbedingtes Lobaussprechen dürfte. Des Herrn A. W. Schlegels Begeisterung istimmer ein künstliches, ein absichtliches Hineinliigen in einen Rauschohne Trunkenheit, und bei ihm, wie bei der übrigen romantischenSchule, sollte die Apotheose Shakespeares indirekt zur HerabwürdigungSchillers dienen. Die Schlegelsche Übersetzung ist gewiß bis jetzt diegelungenste, und entspricht den Anforderungen, die man an einemetrische Übertragung machen kann. Die weibliche Natur seinesTalents kommt hier dem Übersetzer gar vortrefflich zu statten, undin seiner charakterlosen Kunstfertigkeit kann er sich dem fremdenGeiste ganz liebevoll und treu anschmiegen.
Indessen, ich gestehe es, trotz dieser Tugenden möchte ich zu-weilen der alten Eschenbnrgschen Übersetzung, die ganz in Prosa ab-gefaßt ist, vor der Schlegelschen den Vorzug erteilen, und zwar ansfolgenden Gründen:
Die Sprache des Shakespeare ist nicht demselben eigentümlich,sondern sie ist ihm von seinen Vorgängern und Zeitgenossen über-liefert; sie ist die herkömmliche Thcatersprache, deren sich damals der