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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
85
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Shakespeares Mädchen und Frauen. 88

Authentische Urkunden über die Lebensverhältnisse Shakespearessind seine Sonette, die ich jedoch nicht besprechen möchte, und die ebenob der tiefen menschlichen Misere, die sich darin offenbart, zu obigenBetrachtungen über daS Privatleben des Poeten mich verleiteten.

Der Mangel an bestimmteren Nachrichten über ShakespearesLeben ist leicht erklärbar, wenn man die politischen und religiösenStürme bedenkt, die bald nach seinem Tode ausbrachen, für einigeZeit eine völlige Puritancrherrschnft hervorriefen, auch später nochunerquicklich nachwirkten, und die goldene Elisabethperiode der englischenLittcratur nicht bloß vernichteten, sondern auch in gänzliche Vergessen-heit brachten. Als man zu Anfang des vorigen Jahrhunderts dieWerke von Shakespeare wieder ans große Tageslicht zog, fehlten alle jeneTraditionen, welche zurAuslcgnng des Textes fördersam gewesen wären,und die Kommentatoren mußten zu einer Kritik ihre Zuflucht nehmen,die in einem flachen Empirismus und noch kläglicheren Materialismusihre letzten Gründe schöpfte. Nur mit Ausnahme von William Hazlitthat England keinen einzigen bedeutenden Kommentator Shakespeareshervorgebracht; überall Kleinigkeitskrämerei, selbstbespicgclnde Scichtig-kcit, enthusiastisch thuender Dünkel, gelehrte Aufgeblasenheit, die vorWonne fast zu platzen droht, wenn sie dem armen Dichter irgendeinen antiquarischen, geographischen oder chronologischen Schnitzernachweisen und dabei bedauern kann, daß er leider die Alten nichtin der Ursprache studiert, und auch sonst wenige Schnlkcnntnisse be-sessen habe. Er läßt ja die Römer Hüte tragen, läßt Schiffe landenin Böhmen, und zur Zeit Trojas läßt er den Aristoteles citieren!Das war mehr als ein englischer Gelehrter, der in Oxford zum irmZistsrartinm graduiert worden, vertragen konnte! Der einzige Kommen-tator Shakespeares, den ich als Ausnahme bezeichnet, und der auchin jeder Hinsicht einzig zu nennen ist, war der selige Hazlitt, ein Geistebenso glänzend wie tief, eine Mischung von Diderot und Börne,flammende Begeisterung für die Revolution neben dem glühendstenKunstsinn, immer sprudelnd von Verve und Esprit.

Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespearebegriffen. Und hier muß wieder zuerst jener teure Name genanntwerden, den wir überall antreffen, wo es bei uns eine große In-itiative galt. Gvtthold Ephraim Lessing war der erste, welcher inDeutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwerstenBaustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und,was noch preisenswertcr, er gab sich die Mühe, den Boden, woraufdieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte zu reinigen.Die leichten französischen Schaubuden, die sich breit machten "aufjenem Boden, riß er unbarmherzig nieder in seinem freudigen Ban-eifer. Gottsched schüttelte so vcrzwciflungsvolt die Locken seiner Perücke,daß ganz Leipzig erbebte, und die Wangen seiner Gattin vor Angst,