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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
83
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Shakespeares Mädchen und Frauen. 83

Dichter. Nur sind bei ihm die Begriffe etwas ausgedehnter als beiuns: Der Schauplatz seiner Dramen ist dieser Erdball, und das istseine Einheit des Ortes; die Ewigkeit ist die Periode, während welcherseine Stücke spielen, und das ist seine Einheit der Zeit; und beidenangemäß ist der Held seiner Dramen, der dort als Mittelpunkt strahlt,und die Einheit des Interesses repräsentiert . . . Die Menschheit istjener Held, jener Held, welcher beständig stirbt und beständig aufersteht beständig liebt, beständig haßt, doch noch mehr liebt als haßtsich heute wie ein Wurm krümmt, morgen als ein Adler zur Sonnefliegt heute eine Narrenkappe, morgen einen Lorbeer verdient,noch öfter beides zu gleicher Zeit der große Zwerg, der kleineRiese, der homöopathisch zubereitete Gott, in welchem die Göttlichkeitzwar sehr verdünnt, aber doch immer existiert ach! laßt uns vondem Heldentum dieses Helden nicht zu viel reden, ans Bescheidenheitund Scham!

Dieselbe Treue und Wahrheit, welche Shakespeare in betreff derGeschichte beurkundet, finden wir bei ihm in betreff der Natur. Manpflegt zu sagen, daß er der Natur den Spiegel vorhalte. Dieser Aus-druck ist tadclhaft, da er über das Verhältnis des Dichter? zur Naturirreleitet. In dem Dichtergeistc spiegelt sich nicht die Natur, sondernein Bild derselben, das dem getreucsten Spiegelbilde ähnlich, ist deinGeiste deS Dichters eingeboren; er bringt gleichsam die Welt mit zurWelt, und wenn er, aus dem träumenden KindeSalter erwachend,zum Bewußtsein seiner selbst gelangt, ist ihm jeder Teil der äußerenErscheinuugswelt gleich in seinem ganzen Zusammenhang begreifbar;denn er trägt ja ein Glcichbild des Ganzen in seinem Geiste, er kenntdie letzten Gründe aller Phänomene, die dem gewöhnlichen Geisterätselhaft dünken, nnd auf dem Wege der gewöhnlichen Forschungnur mühsam, oder auch gar nicht begriffen werden . . . Und wieder Mathematiker, wenn man ihm nur das kleinste Fragment einesKreises gicbt, unverzüglich den ganzen Kreis und den Mittelpunktdesselben augeben kann: so auch der Dichter, wenn seiner Anschauungnur das kleinste Bruchstück der Erschciuungswelt von außen gebotenwird, offenbart sich ihm gleich der ganze universelle Zusammenhangdieses Bruchstücks; er kennt gleichsam Cirknlatur und Ccntrum allerDinge; er begreift die Dinge in ihrem weitesten Umfange und tiefstenMittelpunkt.

Aber ein Bruchstück der Erscheinungswelt muß dem Dichter immervon außen geboten werden, ehe jener wunderbare Prozeß der Welt-ergänzung in ihm stattfinden kann; dieses Wahrnehmen eines Stücksder Erscheinungswelt geschieht durch die Sinne, und ist gleichsam dasäußere Ereignis, wovon die inneren Offenbarungen bedingt sind, denenwir die Kunstwerke des Dichters Verdauken. Je größer diese letzteren,desto neugieriger sind wir, jene äußeren Ereignisse zu kennen, welche

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