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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
82
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'82 Shnkcspcares Mädchen und Frauen.

Geschehenen, ein ständiges Herbarium der Ereignisse lieferten, stmdcrndie Wahrheit verklärten durch Gesang, und im Gesänge nur die Stimmeder Wahrheit tönen ließen. Die sogenannte Objektivität, wvvvn heutsoviel die Rede, ist nichts als eine trockene Lüge; es ist nicht möglich,die Vergangenheit zu schildern, ohne ihr die Färbung unserer eigenenGefühle zu verleihen. Ja, da der sogenannte objektive Geschicht-schreiber doch immer sein Wort an die Gegenwart richtet, so schreibter unwillkürlich im Geiste seiner eigenen Zeit, und dieser Zeitgeistwird in seineu Schriften sichtbar sein, wie sich in Briefen nicht bloßder Charakter des Schreibers, sondern auch des Empfängers offenbart.Jene sogenannte Objektivität, die, mit ihrer Leblosigkeit sich brüstend,auf der Schädelstätte der Thatsachcn thront, ist schon deshalb als un-wahr verwerflich, weil zur geschichtlichen Wahrheit nicht bloß die ge-nauen Angaben des Faktums, sondern auch gewisse Mitteilungen überden Eindruck, den jenes Faktum auf seine Zeitgenossen hervorgebrachthat, notwendig sind. Diese Mitteilungen sind aber die schwierigsteAusgabe; denn es gehört dazu nicht bloß eine gewöhnliche Notizen-knnde, sondern auch das Anschauungsvermögcn des Dichters, dem,wie Shakespeare sagt,das Wesen und der Körper verschollener Zeiten"sichtbar geworden.

Und ihm waren sie sichtbar, nicht bloß die Erscheinungen seinereigenen Landesgeschichte, sondern auch die, wovon die Annalen desAltertums uns Kunde hinterlassen haben, wie wir es mit Erstaunenbemerken in den Dramen, wo er das untergegangene Nömcrtnm mitden wahrsten Farben schildert. Wie den Rittergcstaltcn des Mittel-alters, hat er auch den Helden der antiken Welt in die Nieren ge-sehen, und ihnen befohlen, das tiefste Wort ihrer Seele auszusprechen.Und immer wußte er die Wahrheit zur Poesie zu erheben, und sogardie gemütlvsen Römer, das harte, nüchterne Volk der Prosa, dieseMischlinge von roher Raubsncht und feinem Advokatcnsinn, diesekasuistische SoldatcSke, wußte er poetisch zu verklären.

Aber auch in Beziehung auf seine römischen Dramen muß Shake-speare wieder den Vorwurf der Formlosigkeit anhören, und sogar einhöchst begabter Schriftsteller, Dietrich Grabbe, nannte sie*)poetischverzierte Chroniken", wo aller Mittelpunkt fehle, wo man nicht wisse,wer Hauptperson, wer Nebenperson, und wo, wenn man auch aufEinheit des Orts und der Zeit verzichtet, doch nicht einmal Einheitdes Interesses zu finden sei. Sonderbarer Irrtum der schärfstenKritiker! Nicht sowohl die letztgenannte Einheit, sondern auch dieEinheiten von Ort und Zeit mangeln keineswegs unserem großen

*) In seinem AufsahÜber die Shakespeareomanie", abgedruckt im zweitenBand derDramatischen Dichtungen von Grabbe", Frankfurt, 1827.

Anmerkung des Herausgebers.