Shakespeares Mädchen und Frauen. 81
steht dort in Lebensgröße, eine erhabene Gestalt mit sinnigem Haupt,in den Händen eine Pergamentrollc ... Es stehen vielleicht Zauber-worte darauf, und wenn er um Mitternacht die weißen Lippenbewegt und die Toten beschwört, die dort in den Grabmalern ruhen,so steigen sie hervor mit ihren verrosteten Harnischen und verschollenenHofgewandcn, die Ritter der weißen und der roten Rose, und auchdie Damen heben sich seufzend aus ihren Ruhestätten, und einSchwertgeklirr und ein Lachen und Fluchen erschallt, . . Ganz wiezu Drurylane, wo ich die Shakespcareschen Geschichtsdramen so ofttrassieren sah, und wo Kean mir so gewaltig die Seele bewegte,wenn er verzweifelnd über die Bühne rann:
liorss, a, Irorss, inz' IrinAclorn kor a Irorss!"
Ich müßte den ganzen Lmicig ob Iwnclon abschreiben, wenn ichdie Orte anführen wollte, wo mir dort Shakespeare in Erinnerunggebracht wurde. Am bedeutungsvollsten geschah dieses im Parlamente,nicht sowohl deshalb, weil das Lokal desselben jenes Wcstminster-Hallist, wovon in den Shakespeareschcn Dramen so oft die Rede, sondernweil, während ich den dortigen Debatten beiwohnte, einigemal vonShakespeare selber gesprochen wurde, und zwar wurden seine Verse,nicht ihrer poetischen, sondern ihrer historischen Bedeutung wegencitiert. Zu meiner Verwunderung merkte ich, daß Shakespeare inEngland nicht bloß als Dichter gefeiert, sondern auch als Geschicht-schreiber von den höchsten Staatsbehörden, von dem Parlamente,anerkannt wird.
Dies führt mich ans die Bemerkung, daß es ungerecht sei, wennman bei den geschichtlichen Dramen Shakespeares die Ansprüchemachen will, die nur ein Dramatiker, dem bloß die Poesie und ihrekünstlerische Einkleidung der höchste Zweck ist, befriedigen kann. DieAufgabe Shakespeares war nicht bloß die Poesie, sondern auch dieGeschichte; er konnte die gegebenen Stoffe nicht willkürlich modeln,er konnte nicht die Ereignisse und Charaktere nach Laune gestalten;und ebensowenig, wie Einheit der Zeit und des OrteS, konnte erEinheit des Interesses für eine einzige Person oder für eine einzigeThatsache beachten. Dennoch in diesen Geschichtsdramen strömt diePoesie reichlicher und gewaltiger und süßer als in den Tragödienjener Dichter, die ihre Fabeln entweder selbst erfinden oder nachGutdünken umarbeiten, das strengste Ebenmaß der Form erzielen,und in der eigentlichen Kunst, namentlich aber in dem snolmlnsinsnbäss sosuss, den armen Shakespeare übertreffen.
Ja, das ist es, der große Brite ist nicht bloß Dichter, sondernauch Historiker; er handhabt nicht bloß Melpomenes Dolch, sondernauch Klios noch schärferen Griffel, In dieser Beziehung gleicht er denfrühesten Geschichtschreibern, die ebenfalls keinen Unterschied wußtenzwischen Poesie und Historie, und nicht bloß eine Nomenklatur desHeine's Werke, IV, Vd, 6