Shakespeares Mädchen und Frauen. 73
fanwsen Prynne, die Ausbrüche des Zornes liest, womit über diearme Schauspielkunst das Auathema ausgekrächzt umrde. Sollen wirden Puritanern ob solchem Zelotismus allzu ernsthaft zürnen?Wahrlich, nein; in der Geschichte hat jeder recht, der seinem inne-wohnenden Prinzipe getreu bleibt, und die düsteren Stntzköpfe folgtennur den Konsequenzen jeneS kunstfeindlichen Geistes, der sich schonwährend der ersten Jahrhunderte der Kirche kundgab, und sich mehroder minder bilderstürmend bis ans heutigen Tag geltend machte.Diese alte, unversöhnliche Abneigung gegen das Theater ist nichtsals eine Seite jener Feindschaft, die seit achtzehn Jahrhundertenzwischen zwei ganz heterogenen Weltanschauungen waltet, und wovondie eine dem dürren Boden JudäaS, die andere dem blühendenGriechenland entsprossen ist. Ja, schon seit achtzehn Jahrhundertendauert der Groll zwischen Jerusalem und Athen, zwischen dem heiligenGrab und der Wiege der Kunst, zwischen dem Leben im Geiste und demGeist im Leben; und die Reibungen, öffentliche und heimliche Be-fehdnngcn, die dadurch entstanden, offenbaren sich dein esoterischenLeser in der Geschichte der Menschheit. Wenn wir in der heutigenZeitung finden, daß der Erzbischof von Paris einem armen toten Schau-spieler die gebräuchlichen BegräbniSehrcn verweigert, so liegt solchemVerfahren keine besondere Priesterlanne zum Grunde, und nur derKurzsichtige erblickt darin eine cngsinnige Böswilligkeit. Es waltet hiervielmehr der Eifer eines alten Streites, eines Todeskampfes gegen dieKunst, welche von dem hellenischen Geist oft als Tribüne benutzt wurde,um von da herab das Leben zu predigen gegen den abtötenden Judäis-mns; die Kirche verfolgte in den Schauspielern die Organe des Griechen-tums, und diese Verfolgung traf nicht selten auch die Dichter, die ihreBegeisterung nur von Apollo herleiteten, und den präskribierten Heiden-gottern eine Zuflucht sicherten im Lande der Poesie. Oder ist gar etwaRancnne im Spiel? Die unleidlichsten Feinde der gedrückten Kirche,während der ersten zwei Jahrhunderte, waren die Schauspieler, unddie ^ata, Lanotornin erzählen oft, wie diese verruchten Histrivnen aufden Theatern in Rom sich dazu hergaben, zur Lust des heidnischenPöbels die Lebensart und Mysterien der Nazarcner zu parodieren.Oder war es gegenseitige Eifersucht, was zwischen den Dienern desgeistlichen und des weltlichen Wortes so bitteren Zwiespalt erzeugte?
Nächst dem asketischen Glanbenseifer war es der republikanischeFanatismus, welcher die Puritaner beseelte in ihrem Haß gegen diealt-englische Bühne, wo nicht bloß das Heidentum und die heidnischeGesinnung, sondern auch der Royalismns und die adligen Geschlechterverherrlicht wurden. Ich habe an einem andern Orte^) gezeigt, wie
*) Bei Besprechung der Charaktere im „Julius Cäsar" ans den nach-folgenden Blättern. Anmerkung des Herausgebers.