22 Won der Versuchung.
Wahrheit nicht bestanden sey, und sey ein Todtschläger und Lug-ner. Denn klarlicher und deutlicher anzuzeigen, daß dieser Got-tes und der Menschen Feind wäre, hat eigentlich gehöret demEvangelio.
Heva widerstehet erstlich dem Versucher fein, denn sie wirdnoch regieret und geleitet von dem Geist, der ihr vorleuchtet, wieich oben angezeiget habe, daß der Mensch vollkommen und zumBild Gottes geschaffen sey; aber zuletzt halt sie sich nicht, sondernlasset sich überreden.
Zum andern, soll man auch betrachten die sonderliche Listdes Teufels, die man erstlich daran mercket, daß er die höchstenKräfte des Menschen antastet und das Ebenbild Gottes, nemlichden Willen, so gegen Gott recht stunde, stürmet und anficht.Der Schlange List, saget der Text, war größer, denn aller Thiereauf dem Erdboden. Aber diese List ist über alle natürliche Listder Schlange, daß sie mit dem Menschen disputiret von GottesWort und Willen. Dieses hat die Schlange aus natürlicherKraft nicht vermocht, weil sie der Herrschaft des Menschen unter-worfen gewesen ist. Der Geist aber, der aus der Schlange re-det, ist so listig, daß er den Menschen überwinden und beredenkann, daß er isset von der Frucht des verbotenen Baumes. Darumredet eine Creatur Gottes, die gut ist, nicht also, sondern derallerhefftigste Feind Gottes und der Menschen, der zwar auch woleine Creatur Gottes ist, ist aber so böse von Gott nicht geschaf-fen, denn er ist in der Wahrheit nicht bestanden, wie Christusfaget Ioh. 8, 44. Dieses folget klar aus dem Evangelio unddiesem Text.
Darnach wird diese Listigkeit auch an dem gemercket, daßder Satan die menschliche Natur allda angreiffet, da sie amschwächsten ist, nemlich die weibliche Person, Hevam, und nichtden Mann, Adam. Denn ob sie wol alle beyde gleich gerechtgeschaffen seyn, so ist doch Adam über Heva gewesen. Denngleich wie sonst in der gantzen Natur die männliche Kraft dieweibliche übertrifft, so ist auch in der vollkommenen Natur derMann etwas über das Weib gewesen. Darum sich auch derTeufel an Adam nicht machen darf, weil er flehet, daß er etwastrefflicher ist; denn er besorget sich, sein Vornehmen möchte ihmmißlingen. Und ich gläube auch, daß, wo der Teufel Adam erst-lich hätte versuchet und angegriffen, würde Adam gewonnen haben.Er würde die Schlange eher mit Füßen getreten haben und ge-saget: Schweig du, der Herr hat uns ein anderes befohlen.