Von der Versuchung. 21
könnte man sich leichtlich vor ihm hüten. Aber hier, da er einander Wort vorleget, disputiret von Gottes Willen und wendetfür den Namen Gottes, der Kirche, des Volckes Gottes: kannman sich so leicht nicht für ihn hüten, sondern es gehöret garein scharf Urtheil und Judicium des Geistes darzu, daß wir kön-nen Unterscheid halten zwischen dem rechten und neuen Gott,wie Christus einen Unterscheid machet, da ihn der Teufel beredenwill, daß er sagen sott, daß die Steine Brodt werden, daß er sichhinab von der Zinnen des Tempels lassen soll. Denn da wollteer ihn überreden, daß er etwas vornehmen und wagen sollte ohneGottes Wort. Aber Christum konnte er also nicht betrügen,wie er Hevam betrog. Denn Christus behalt das Wort, undlasset sich von dem rechten Gott auf einen unrechten und neuennicht weisen noch abführen. Denn Unglaube und Zweifel, da-durch man vom Wort abtritt, ist eigentlich eine Quelle und Ur-sprung aller Sünden-, weil aber solches die Welt voll ist, so blei-bet sie in Abgötterey, verleugnet die Wahrheit Gottes und machetsich einen neuen Gott.
Darum gehöret dieser Text dahin, daß wir daraus lernen,daß diese Versuchung des Teufels sey gewesen der Anfang derErbsünde, da er Hevam vom Wort Gottes abgeführet hat zurAbgötterey wider das erste, andere und dritte Gebot. Denn dagehören eigentlich diese Worte her: Ja, sollte Gott gesagethaben. Dieses ist eine schreckliche Kühnheit des Teufels, daßer einen neuen Gott machet, und verleugnet den ersten wahrhaf-tigen und ewigen Gott mit so großem Trotz und Sicherheit, alswollte er sagen: Ihr seyd doch wahrlich Thoren und Narren, soihr glaubet, daß Gott also gesaget habe; denn Gott ist mit Nich-ten ein solcher, der da groß darnach fraget, ob ihr esset oder nichtesset. Denn weil es der Baum ist des Erkenntnisses des Gutenund Bösen, wie könnet ihr Gott eines solchen Neides beschuldi-gen, daß er nicht wollte, daß ihr weise seyn solltet.
Es zeiget aber diese unaussprechliche Bosheit genugsam an,wiewol Moses nur der Schlange und nicht des Teufels geden-cket, daß der Satan bey diesem Handel der Urheber und Meistergewesen. Und haben die Vater und Propheten, wiewol es ver-wickelte Dinge seyn, jedoch durch des Heiligen Geistes Erleuch-tung wohl gesehen, daß dieses nicht gewesen sey der SchlangenHandel, sondern daß in dieser Schlange gestecket habe der Geist,welcher der unschuldigen Natur feind gewesen ist, von welchemChristus im Evangelio Joh. 8, 44, klar saget, daß er in der