16 Von der Erbgerechtigkeit und Erbsünde.
Affecten liebte; item, daß er im Frieden unter den andern Krea-turen lebete, ohne Furcht des Todes und ohne Scheu für allen Krank-heiten. Daß er auch einen Leib hatte zu allem Gehorsam gefol-gig, ohne alle böse Affecten und schnöde Lust, die wir jetzund anunfern Leibern fühlen. Wie wir denn ein schön und gewiß Ge-mälde der Erbgerechtigkeit haben können an der Verderbung, diewir in dieser unserer Natur jetzund fühlen.
Wenn die Sophisten von der Erbsünde reden, so reden sieallein von der elenden und schandlichen Unzucht und Lustseuche.Aber eigentlich ist die Erbsünde der Fall der gantzen Natur, da-durch erstlich der Verstand verdunckelt ist, daß wir Gott und sei-nen Willen nicht weiter können mercken und verstehen, auch seineWercke nicht. Darnach ist auch der Wille wunderlicher Weiseverrücket und gefälschet, daß wir der Güte und BarmhertzigkeitGcMes nicht trauen, fürchten Gott nicht, sondern seyn sicher, las-sen Gottes Wort und Willen fahren und folgen der Lust undAnreitzung des Fleisches; item, daß unser Gewissen nicht mehrstille und zufrieden ist, sondern verzaget, suchet und folget un-ziemlichen und verbotenen Mitteln und Hülfe, wenn es an GottesGericht dencket. Solche große und scheusliche Sünden stecken sotief in der Natur, daß man sie in diesem Leben keinesweges maggantzlich herausreissen, und dennoch rühren sie die elenden Sophi-sten nicht mit einem Wort. Also zeiget die Erbsünde an, wasErbgerechtigkeit sey, und wiederum kann man auch verstehen,wenn man die Erbgerechtigkeit bedencket, was Erbsünde sey,nemlich eine Verlierung oder Mangel der Erbgerechtigkeit; wiedie Blindheit eine Beraubung oder Mangel des Gesichtes ist.
In der Seele aber ist der fürnehmste Schade, daß sie Got-tes Erkenntnis; verloren hat, daß wir Gott nicht allenthalbenund in allen Dingen dancken, daß wir an seinen Wercken undThaten nicht Lust haben, vertrauen ihm nicht, werden ihm feindund lästern ihn, wenn er uns mit wohlverdienter Strafe angreif-fet. Item, wenn wir mit unserm Nächsten zu handeln haben,folgen wir unfern Lüsten und eigenen Affecten, rauben, stehlen,sind Ehebrecher, Todtschläger, tyrannisch, unfreundlich, unbarm«hertzig, u. s. w.
Daher gehöret auch mancherley Strafe der Erbsunde, welcheman nicht besser nennen kann, denn daß man saget, Erbsündesey der Verlust aller Vollkommenheit, die Adam im Paradiesgehabt hat; als, daß er eines behenden und listigen Verstandesgewesen ist, und bald verstanden hat, daß Heva seines Fleisches