Vom Baum des Erkenntnisses.
Zugend erhalten, daß er kein Ungemach noch Beschwerung desAlters jemals gefühlet hatte. Die Stirne wäre ihm nicht ver-runtzelt worden, so wäre kein Fuß, noch Hand, noch ein anderGlied des Leibes schwach, matt oder siech worden. Und wärendem Menschen durch Hülfe und Dienst dieser Frucht seine Kräfteimmerdar vollkommen geblieben zum Kinderzeugen und allerleyArbeit, bis er endlich aus dem leiblichen oder natürlichen Lebenin das geistliche wäre versetzet worden. Und also hätte er vonden andern Bäumen Nahrung gehabt, so da gut, zärtlich undlieblich gewesen wäre; dieser Baum aber wäre gewesen als eineArtzeney, dadurch sein Leben und alle Kräfte Key vollkommenerMunterkeit wären erhalten worden.
Hier fället aber noch eine Frage vor: Wie doch eine leib-liche Speise oder Frucht den Leib hätte können erhalten, daß ernicht mit der Zeit kräncker und schwächer sollte worden sein?Darauf ist leicht zu antworten.- Er sprach, da ward es. Dennso Gott aus Steinen Brod machen kann, sollte er denn nichtauch durch ein Gewächse oder Aepffel des Leibes Kraft undStärcke erhalten können? Sehen wir doch jetzo nach der Sünde,daß sehr große Kraft und Wirckung auch in den geringsten Kräu-tern und Saamen ist.
Lasset uns aber unsere eigenen Leiber ansehen. Woherkömmt die Kraft, daß das Brod, wenn es gegessen, durch natür-liche Hitze verdauet und in Blut verwandelt wird, davon dar-nach der gantze Leib gestärcket wird und zunimmt? Bringe gantzeOefen mit Feuer her, so wirst du doch damit nicht können zu-wege bringen, daß aus Brod Blut würde, welches doch eine ge-ringe Hitze, so in unserm Leib ist, vermag auszurichten. Dero-halben soll uns das nicht Wunder nehmen, daß dieser Baum einBaum des Lebens gewesen ist, da es Gott also gefallen, er ihn auch alsogepflantzet und gemacht hat. Adam hatte einen natürlichen undder Bewegung unterworfenen Leib, welcher Kinder zeugete, aß,arbeitete, u. s. w. welches alles Wercke seyn, die man dafür hält,daß sie zur Verwesung, oder doch zum wenigsten zu einiger Ver-änderung etwas beytragen, dadurch der Mensch natürlicher Weiseendlich gar verweset wäre. Aber dieser natürlichen Ordnungschaffete Gott eine Artzeney und Rath durch den Baum des Le-bens, daß der Mensch ohne allen Abgang seiner Kräfte ein lan-ges und gesundes Leben in steter Jugend haben sollte.
Dieses seyn alles historische Dinge, welche ich fleissig mer-cken heiße, auf daß sich Unvorsichtige nicht irren lassen durch das