Durch Umstände, deren Erörterung nicht hierher ge-hört, war in Bayern der erste Minister gefallen. Dasdarauf folgende Ministerium schien eine ganz andere An-sicht von freien Verfassungen zu haben, und diese wenigbedenklich zu finden. Und obgleich Bayern sich am Bun-destage auf keine Zeitbestimmung einlassen wollte, wannes dem 1Z. Artikel zu genügen gedachte, so beglückte derKönig an seinem zwei und sechzigsten Geburtstage (den 26.Mai 1818) sein Reich mit einer Verfassung, welche sichdes Beifalls seines Volks und ganz Deutschlands erfreute.
Auch trat diese gleich im folgenden Jahre ins Leben.Die Kammern wurden eröffnet und die Verhandlungenbegannen. Es ist natürlich, daß, nachdem die Leute langegeschwiegen, sie anfangs ungeschickt reden, wenn ihnenendlich die Zunge gelöst wird. — Besonders benahm sichdie Kammer der Gemeinen wie ein kleiner National-Con-vent, und indem sie die erhabensten Gesinnungen äußerte,war sie nicht abgeneigt, gleich vom Anfang alles Neu zumachen, da es wirklich zu bewundern sey, daß die Weltohne sie so lange habe gehen können. Die Ermahnung desKönigs: seyd nicht neidisch auf die Zeit, hattensie schon im ersten Monat völlig vergessen. GlücklicherWeise thciltc die Kammer der Neichsherren diesen Nefor-mationseifer nicht, und das gesellschaftliche Gebäude wurdenicht ganz und auf einmal eingerissen und neu aufgebaut,wie die Kammer der Deputirtcn sich solches vorgenommenhatte. Offenbar fehlte es der Kammer an hinlänglichenpolitischen Talenten, woher es denn auch kam, daß nurWenige unter den Deputirtcn sich auf der Redncrbühnezeigten.
Das Ministerium benahm sich mit Anstand. Es er-trug alle Gegenreden bedachtsam und ließ sie an sichvorübergehen, ohne sich von ihnen irren zu lassen. Es