Heines Charakter. 309
wir haben nie miteinander gerechnet, und der Himmel mag wissen, wer für denandern mehr ausgelegt hat, ob er an Pariser Auslagen für mich, ob ich andeutschen Auslagen für ihn. In solchen und ähnlichen Dingen des bürgerlichenLebens war er von großem Stil, und für jeden Bedürftigen war er nicht nurwohlwollend, sondern auch wohlthätig in demselben Stile. Was hat er, stets desUndankes gewärtig, der denn auch reichlich über ihn ergangen ist, was hat er anflüchtige und arme Landsleute hingegeben! — Will man überhaupt Heine nurfreundlich und wohlgefällig abgespiegelt sehen, so muß man sich an die Notabili-täten der Franzosen, unter denen er fünfzehn Jahre gelebt, wenden. Sie respektiertenihn wie einen der vornehmsten Pairs in dem litterarischen Parlamente Europas,und derselbe Heine, an welchem sich bei uns jeder dürftige und sein bischen Hand-werkszeug aus Heinescher Domäne beziehende Journalist reiben zu dürfen, überwelchen Spatz und Elster abgeschmackt piepen zu dürfen glaubt, derselbe Heinegilt dort für einen der größten Dichter und geistreichsten Autoren Europas. Ichweiß dies nicht vom Hörensagen; ich Hab' es gesehen und erfahren an seinerSeite. Ihm öffneten sich alle Pforten, ich möchte sagen: alle Arme; er gehörteganz und gar und ohne Vorbehalt zu der glänzenden Familie von französischenNStabilitäten, welche sonst gegen den Ausländer so kühl und so höflich sind. Undnicht etwa bloß, weil sie ihn und seinen Geist fürchteten, obwohl auch dies keinverächtliches Symptom wäre, o nein, in der Würdigung litterarischer Größe herrschtbei den Franzosen ein viel tieferer Konservatismus als bei uns. Wer einmal dieLitteratur durch etwas Ausgezeichnetes bereichert hat, den berührt die nagendeKritik nicht mehr an der Wurzel, wenn sie ihm noch so viel Blätter abreißensollte, was ebenfalls nicht leicht geschieht. Man ehrt dort sich und seine Nationin treuer Wertschätzung dessen, was jemals die Nation ausgezeichnet hat, und indemselben Geiste betrachteten dort George Sand, Hugo, Lamartine, Thiers, Mignet,Balzac, Dumas, und wie sie weiter heißen, den deutschen Autor Heine, von demsie nur Bruchstücke kannten; an der Kralle erkannten sie den Löwen, und es warihnen immerdar zweifellos, daß er eine geistige Macht ersten Ranges und alssolche zu behandeln und zu achten sei. Ich schweige davon, daß viele, unddarunter George Sand, seinem Geiste innige Liebe widmeten, ich erwähne denganzen Spiegel fremder Welt auch nur beiläufig, weil ich mich in so schmerzlichemAugenblicke jener Szenen erinnere, in denen gerade Heine mächtiger als irgendeine deutsche Macht die Schlagfertigkeit unseres Vaterlandes mitten unter denbegabtesten Franzosen zur Geltung brachte. Konnte es für einen Deutschen etwasErquickenderes geben als die Teilnahme an solchen Gefechten, in denen die Fran-zosen immer den Sieg in Anspruch nehmen für ihr Talent der Rede und desEsprits, und in denen nun plötzlich ein Deutscher als Deutscher links und rechts