308 Heinrich Laubes Grabrede,
heit in betreff seiner Schriften, und er wußte genau, was das beste darin sei,mochte auch gerade dies am ärgsten bestritten oder bespöttelt worden sein. Diesenaristokratischen Zug der Ueberlegenheit verlor er nie, auch nicht in den Stundentiefster Niedergeschlagenheit. Man durfte ihn nur an solch ein Wort, ein Bild,einen Gedankengang erinnern, und auf einen Augenblick erheiterte sich sein Antlitz,und er hatte Freude daran, als ob er es zum erstenmale entdeckte. Wäre diesgewöhnliche Eitelkeit? O bewahre! Dieselbe Heiterkeit entstand auf seinem Antlitze,wenn ein großer Zug von einem anderen Autor, namentlich von Goethe, erwähntwurde. Er wußte nur eben bestimmt, felsenfest, was er wußte und liebte, undgegenüber dem tödlichen Hasse, dessen er sähig war, webte eine reizende Kindlich-keit in ihm, eine Kindlichkeit, welche sich an dem selbsterfundenen Spielwerk aus-gelassen freuen konnte. Diese Kindlichkeit war am ausführlichsten zu beobachtenin seinem Verkehr mit seiner Frau. Diese Französin hatte nicht den mindestenBezug zu dem Schriftsteller und Dichter Heine,- von dessen Werken und Kämpfenwußte sie gar nichts, sie hatte also auch nicht ein Sterbenswörtchen der Teil-nahme oder des Lobes für den berühmten Autor. Und das war seine größteFreude. Sie spielten wie die Kinder zusammen, und er lehrte ihr die Namenphönizischer Könige und warnte sie vor der beunruhigenden Litteratur Europas undvor dem Lesen überhaupt und liebte sie ganz und gar unlitterarisch auf das zärtlichste.
Es gehört wohl auch zu seinem Schicksale, daß ich da im verwirrenden Schmerzüber den Verlust lauter Züge und Dinge berühre, welche nicht geeignet sind, ihn denregelmäßigen Forderungen des großen Publikums zu empfehlen. Er wollte freilichauch nicht empfohlen sein, er wollte treffen. Dennoch fehlt es für den geschickterenBiographen keineswegs an Heineschen Zügen, in deren Schilderung der eigensinnigeDichter auch abgeneigten Landsleuten wohlgefällig erscheinen würde. Er war zumBeispiele seinen Freunden treu wie Gold. Er, welcher den Wechsel so zu lieben schien,war von unerschütterlicher Gleichmäßigkeit in wohlwollender Teilnahme, wenn er einmaldiese Teilnahme jemand zugewendet hatte. So furchtbar treu er in Feindschaft war, soliebenswürdig treu war er in Freundschaft. Jahrelanges Stillschweigen störte dasVerhältnis zu ihm nicht im mindesten; nach jahrelanger Pause konnte man ohne einerklärendes Wort des Ueberganges da fortfahren, wo das Verhältnis stehengeblieben war, und konnte sogleich und ohne weiteres einen Dienst, einen großenDienst, ja ein Opfer von ihm fordern — er war augenblicks und hierbei stetsunter den liebenswürdigsten Formen bereit, und er war ebenso bereit — für dasedlere Verständnis sei dies gesagt als Steigerung — Dienste des Freundes inAnspruch zu nehmen ohne Hehl und Affektation. Was er in seinem Jargon,welchen der stete Aufenthalt im Auslande mit sich brachte, „honett" zu nennenpflegte, das war er selbst im schönsten Grade. Um nur das Trivialste anzuführen,