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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
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290 Die Mouche,

Marterwerkzeuge aus der Passionszeit deutlich erkennen konnte. Plötzlich belebtesich die Blume und nahm menschliche Züge an. Ein süßes, trauriges Antlitzbeugte sich liebevoll über den Toten, und dieser erkannte sogleich die wohlbekanntenZüge. Was zauberte ihm dieser Traum vor? Es war das ferne Vaterland,aber nicht mehr in düsteren: Zorn entflammt, nein, sanft und mild lächelte es demDichter, dem Menschen zu, durch dessen Leben sich die Liebe zu seinem Vaterlandein wechselnden Gestalten zog. Dieses Traumbild von der schwefelgelben Passions-blume ist noch einmal in dem letzten Gedicht Heines, das er der Mouche gewidmet,dargestellt. Es klingt wie ein poetischer Abschluß seiner Weltanschauung!

Die Gegensätze sind hier grell gepaart,

Des Griechen Lustsinn und der GottgedanleJudäas! Und in ArabeskenartUm Beide schlingt der Epheu seine Ranke.

Und dieser Streit wird enden nimmermehr,

Stets wird die Wahrheit hadern mit dem Schönen,

Stets wird geschieden sein der Menschheit HeerIn zwei Parteien: Barbaren und Hellenen!

Inzwischen wurde der Zustand des kranken Dichters immer bedenklicher. Erahnte sein nahes Ende, aber noch einmal flackerte die scheinbar erloscheneFlamme seiner Lebenskraft und Lebenslust wieder auf in den ersten Wochen desJahres 1836. Mit Vorliebe erzählte er der Mouche in diesen Tagen die Geschichteseiner Jugend, von der blassen Veronika, vom Klostergarten, vom Rhein, von denBädern zu Lucca. Mit besonderem Wohlgefallen lauschte er ihr, wenn sie mitihrer melodischen Stimme ihm vorlas. Heine hatte großes Wohlgefallen an denlieblichen Märchen gefunden, die H. Laboulaye damals im „ckouwml äas Debüts"veröffentlichte, und die Mouche mußte sie ihm jedesmal vorlesen. Eine ergreifendeSzene war die ihres letzten Zusammenseins. Infolge einer Erkältung hatte sieihre Besuche unterbrechen müssen. Als sie wieder in das Krankenzimmer trat, fielihr die fahle Blässe seiner Lippen auf und sie fand ihn besonders elend. „Endlichbist Du da!" rief er ihr entgegen. Er war nicht so liebevoll gegen sie wie sonst,und sie brach in Thränen aus. Da rief er sie an sich heran, und sie mußte sichan den Rand seines Bettes setzen. „Nimm Deinen Hut ab, damit ich Dich bessersehen kann", sagte er, und mit einer liebkosenden Gebärde zog er an ihrem Hut-bande. Von einer tiefen Bewegung ergriffen, warf sie ihren Hut ab und glittan seinem Bett nieder. Vergebens suchte sie ihr Schluchzen zurückzudrängen. KeinWort wurde gewechselt, aber die Hand des Freundes, welche auf ihrem Hauptelag, schien sie zu segnen. Dann trat sie langsam aus dem Zimmer. Sie hattebereits die Schwelle überschritten, als der Klang seiner Stimme deutlich zwar,