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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
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Letzter Besuch. Das Geheimnis. ?91

aber doch wie angstvoll zitternd ihr Ohr berührte: „Aus morgen, hörst Du, säumenicht". Am andern Tage war Heine tot.

In früher Morgenstunde war der große Tröster erlösend an das Bett desDichters getreten. Als die Mouche hinkam, konnte sie nur noch den Leichnamsehen, der, der Statue auf einem Grabe gleich, in der majestätischen Ruhe desTodes dalag. „Keine Spur menschlicher Leiden und Leidenschaften war aufdieser kalten Hülle zurückgeblieben,- der Tod zeigte sich gerecht gegen den, der ihngeliebt und besungen hatte, und schuf ein bleiches Marmorantlitz, dessen regelmäßigeZüge an die reinsten Meisterwerke griechischer Kunst erinnerten."

Mit diesem versöhnenden Eindruck schließt die Mouche ihre Erinnerungen ab.Das Interesse des Lesers findet aber noch nicht seinen Abschluß. Im Gegenteil,die Frage regt sich jetzt erst recht auf allen Lippen: Wer war diese seltsameFrauengestalt? Wer war die Mouche?

Es ist merkwürdig genug, daß sie es bis zu ihrem Tode verstanden hat, sichin einen mystischen Schleier zu hüllen. Sie hat in jungen Jahren all ihren Ver-ehrern das Wort zugerufen: „Nie sollst du mich befragen!" Und in alten Tagenhat sie sich in einen stillen Winkel zurückgezogen, um der Neugierde auszuweichen.

Zunächst ihr Name. Doch „hier stock' ich schon". Ich kenne drei Namen, diesie zu verschiedenen Perioden geführt hat. Als Fräulein van Belgern taucht sie zu-erst in der Weltgeschichte auf; fünf Jahre später führt sie sich bei Heine unter demNamen Elise Krinitz ein, und als ihre Erinnerungen erschienen, von denen ichbereits sprach, hieß sie plötzlich zum Erstaunen aller Camilla Selben. Mit diesemNamen ist sie ins Grab gegangen; den wirklichen hat aber wohl niemand erfahren.Auch über ihrer Herkunft waltet ein tiefes Dunkel, das sie selbst in dem Memoiren-bruchstück, welches sie vor etwa zwölf Jahren in „Schorers Familienblatt" erscheinenließ, nicht gelüftet hat. Schält man das Tatsächliche aus der Umwicklung vonPhrasen, die sie dort gebraucht hat, aus, so war sie die uneheliche Tochter einerGouvernante und hat ihre Jugend in ziemlich wechselvollen Verhältnissen verbracht.

Daß sie eine Deutsche war, ließ sie selbst nicht in Zweifel, aber den Ort ihrer.Geburt hat sie nie genannt. Fritz Mauthner, der sie persönlich kennen lernte, hieltsie für eine Pragerin, Alfred Meißner, der sie noch besser kannte, glaubte, sie seieine Sächsin. Zwischen Dresden und Prag hat also jedenfalls ihre Wiege gestanden.

Man sieht aus all dem, daß die Dame viel zu verbergen hatte; denn nichtminder romantisch und merkwürdig wie ihre Kindesgeschichte sind ihre Jugend-erlebnisse. Sie kam in ihrem 15. Lebensjahre mit ihrer Mutter nach Paris und

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