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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
Seite
289
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Mathilde und die Mouche. 289

Neugierige Leute werden nun gewiß die Frage auf den Lippen haben: Wieverhielt sich Frau Mathilde zu diesem seltsamen Eindringling? Ich glaube, sie hatdie Dame ignoriert, da sie ihr kaum noch gefährlich werden konnte. Anderebehaupten freilich, daß sie selbst damals ihre brennende Eifersucht nicht unter-drücken konnte, und daß sie der Abneigung gegen die Fremde sehr oft deutlichenAusdruck gegeben habe. Dafür rächte sich die gute Mouche aber, indem sie inihren Erinnerungen ein recht ungünstiges Bild von Frau Mathilde entworfen hat.Besser stand sie sich mit der Schwester des Dichters, mit Frau Charlotte Embden.Die Art, wie er dieser geliebten Schwester seine Freundin vorstellte, ist sehr charak-teristisch für den Dichter. Er drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte:„Dies ist meine Mouche!" Wie sie selbst erzählt, sprach sie dann noch lange imanstoßenden Zimmer mit der Schwester des Dichters „von dem, der beiden teuerwar, wobei nichts berührt wurde, was irgend einen Mißklang hätte erzeugenkönnen". Die Fürstin della Rocca berichtet aber in ihren Erinnerungen an Heinevon einem interessanten Quiproquo am Krankenlager des Dichters, das sie dochnur von ihrer Mutter erfahren haben konnte. Wie zu anderen, so sprach auchHeine zu seinem Freunde Beranger oft mit Begeisterung von der Mouche.Dieser, von je ein großer Verehrer der Frauenschönheit, wünschte lebhaft, sie kennenzu lernen. Man verabredete ein Rendezvous, aber das Gedächtnis des altenBeranger war bereits schwach geworden, und er vergaß Tag und Stunde. Sokau: er natürlich zu einer ganz anderen als zur festgesetzten Zeit, um die Mouchezu treffen. Er fand auch in der That eine Dame an dem Bett Heines sitzen,und in dem Halbdunkel des Krankenzimmers hielt er sie für die Mouche. Erstspäter gewahrte er seinen Irrtum, denn die Dame war Frau Charlotte Embden.Galant und liebenswürdig, wie alle Franzosen, wußte er sich aber aus der Ver-legenheit zu ziehen und sagte der Schwester des Dichters die größten Artigkeiten.

Aber auch die Abneigung oder Gleichgültigkeit der Frau Mathilde vermochteden merkwürdigen und seltsamen Roman zwischen Heine und seiner jungen Freundinnicht zu stören. Sie setzte ihre Besuche fort, und er wurde von Tag zu Tag ver-traulicher, ja leidenschaftlicher. Eines Tages erzählte er ihr einen seltsamen Traum,der ihm Stoff zu seinem letzten Gedicht geben sollte. Er war tot und lag starrund unbeweglich in einem herrlichen Mausoleum, das der Meißel eines großenKünstlers in vollendet schöner Form aus dem kostbarsten Marmor gebildet hatteund dessen wunderbare Reliefbilder abwechselnd erhabene und groteske Szenen,heilige und lächerliche Bilder darstellten. Es war ein Denkmal, das alle anderenan Pracht und Größe weit überragte. An: Fuße des Sarkophags blühte ausdem Boden eine Blume von dunkler Farbe hervor mit einer einzigen Blütezwischen den lanzenförmig geschnittenen Blättern, in deren blassem Kelch man alle

Karpelcs, G., Heinrich Heine. Ig