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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
Seite
207
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Heine über Lassalle. 207

gefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, dieAlten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenküssen und blauenBlumengerüchen, entsagten und flennten und waren doch vielleicht glücklicher als jene hartenGladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen."

Welch ein Scharfblick in der Beurteilung, welch eine Klarheit in der Darstellung,welch ein prophetisches Schauen in der Verkündigung der Zukunft offenbart sichin diesen wenigen Zeilen, die, wie gesagt, das charakteristische Porträt FerdinandLassalles aus jener Zeit bilden. Man muß bedenken, daß es ein 19jähriger jungerMann war, der in dieser begeisterten Weise von Heinrich Heine an Varnhagenv. Ense empfohlen wurde; und diesen Neunzehnjährigen hatte Heine eingeweiht inalle seine Nöten; diesen nannte er stolz seinen Freund, der Varnhagen umständlichmitteilen sollte, wie entsetzlich ihm von seinen Sippen und Magen mitgespieltworden und was etwa in dieser Beziehung für den armen kranken Dichter inDeutschland zu thun sei.

Heine befand sich damals in übler Lage. Der Verrat, der im Schoß derFamilie an ihm verübt wurde, hatte ihn wie ein Blitz aus heiterer Luft getroffenund fast tödlich beschädigt;die schleichende Mittelmäßigkeit, die fast zwanzig Jahrelang harrte, ingrimmig, neidisch gegen den Genius, hatte endlich ihre Siegesstundeerreicht". In dieser Lage lernte er Lassalle kennen, und freudig bot der jungeMann dem kranken Dichter mit der vollen Energie der Jugend seine Hilfe gegendie zärtlichen Verwandten an. Heine nahm dies Anerbieten mit großer Freudeauf; es war ihm klar, daß nur ein so geistvoller und energischer Mann etwas inseiner Sache thun könne, und seine größten Hoffnungen setzte er auf die ReiseLassalles nach Berlin.

Er hatte sich leider verrechnet; zwar nicht, indem er auf die Energie Lassallesbaute; wohl aber, da er die Schwierigkeiten übersah, die hier zu bekämpfen waren.Gleichwohl muß man, gedenkt man der Zähigkeit, mit der Lassalle später die Sacheder Gräfin Hatzfeld führte, sagen, daß er im Interesse Heines nicht mit gleicherEnergie gehandelt hat. In der ersten Zeit seines Aufenthalts entwickelte erallerdings einen großen Liebeseifer, der Heine zu dem Bekenntnis veranlasste(19. Februar 1846):Noch nie hat jemand so viel für mich gethan; auch habeich noch bei niemand so viel Passion und Verstandesklarheit vereinigt im Handelngefunden. Wohl haben Sie das Recht, frech zu sein wir anderen usurpierenbloß dieses göttliche Recht, dieses himmlische Privilegium. Im Vergleich mitIhnen bin ich doch nur eine bescheidene Fliege". Auch hier zeigt sich der Schaff-blick Heines, und es ist ja männiglich bekannt, wie Lassalle dieses Privilegium,welches ihm der Dichter verliehen, später in der ausgiebigsten Weise verwendet hat.

Der erwähnte Brief ist überhaupt von großem psychologischen Interesse; er hatetwas von der Schülerszene imFaust" an sich. Heine spielt den Mephisto und