Erste Bekanntschaft, ZgZ
eigentümliche Genie, welches neben dem Genie des Denkens, des Schaffens, derKunst hier und da hervortritt, ist vor vielen anderen zur Freundschaft auch mitdenjenigen geeignet, welche es entbehren, aber durch sachliche, positive Seiten esanziehen. Die Psychologie hat es klar gemacht, daß zwei Individualitäten, die sichbefreunden, verschieden sein müssen. Es ist das eine innere Notwendigkeit, unddoch müssen beide auch eine gewisse Gleichheit haben, nämlich die, daß sie beideeben Individualitäten sind. Ralph Emerson sagt hierüber in seinen Essays einvortreffliches Wort! „Freundschaft erfordert die seltene Mittelstraße zwischen Gleich-heit und Ungleichheit, welche jeden den Einfluß, den der andere auf ihn hat,und die Sympathie, die zwischen ihnen herrscht, auf pikante Weise fühlen läßt.Laß mich allein sein, bis die Welt vergeht, lieber, als daß mein Freund nur miteinem Wort oder Blick seine wirkliche Sympathie übertreiben sollte. Durch An-tagonismus wie durch Zuvorkommenheit bin ich gleich irregeleitet. Laß ihn auchnicht einen einzigen Augenblick aufhören, ganz er selbst zu sein,- die einzige Freude,die mir sein Besitz gewährt, ist die, daß das Nichtmein mein ist".
Ohne es zu wissen, oder überhaupt auch nur zu ahnen, hat Emerson hier dasVerhältnis zwischen Heine und Lassalle mit psychologischer Klarheit geschildert. Daswar es, was die beiden anzog! ihre Verschiedenheit, und doch wiederum ihreGleichheit und ihre bedeutende geistige Individualität. Lassalle verehrte in Heine vorallem den großen Dichter, sodann den ersten deutschen Prosaschriftsteller, der esgewagt hatte, für Freiheit, Emanzipation und dergleichen schöne Dinge mehr einoffenes Wort zu reden; ferner aber auch den patriotischen Sohn des Vaterlandes,der sein Deutschland über alles liebte und der nun schon seit 16 Jahren das harteBrot des Erils essen mußte, schließlich aber den Verkünder einer neuen Zeit desGenusses und der Freude, deren Wonnen der kranke Dichter wohl nicht in derHeimat, dafür aber desto ausgiebiger in dem Seinebabel schon vorkosten durfte.Heine sah aber in Lassalle ein Kind eben dieser neuen Zeit, die er in prophetischbegeisterten Gesichten verkündet hatte, einen wahloerwandten Mitkämpfer für diefreiheitliche Entwicklung des Vaterlandes, einen geistesverwandten Genossen seinerIdeen und Hofsnungen, seiner Genüsse und Träume.
Er prophezeite ihm eine große Zukunft in Deutschland. „Was nennen Sie einegroße Zukunft?" fragte ihn Lassalle. „Sie werden von einem Ihrer Schülererschossen werden", erwiderte Heine trocken. „Ach, ich möchte einmal DeutschlandsMirabeau werden", rief Lassalle dagegen aus, mit seinem goldknöpfigen Spazier-stöckchen fuchtelnd. „Aber Sie sind ja nicht pockennarbig", erwiderte Heine lächelnd,„Sie sind ein sehr hübscher Junge. Ah, wenn Sie ein Dichter wären wie Goethe,so würden Sie alle schönen Friederiken und jede häßliche Frau v. Stein lieben;aber so wie Sie sind, sehe ich weiter nichts in Ihnen als einen künftigen Schau-