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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
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204 Ferdinand Lassalle.

würdigen, so werden wir gleichwohl die lleberzeugung nicht verschweigen dürfen,daß Richard Wagner die Bedeutung Heines nicht nach allen Richtungen erkanntund gerecht beurteilt hat. Er erkannte nur Heines negative Mission; seine positiveBedeutung als letzter Romantiker und als erster moderner Dichter hat er in Abredegestellt. Wir können dies beklagen, aber wir haben kein Recht, es zu verurteilen.Freuen wir uns vielmehr, daß das Geschick zwei so hervorragende deutsche Geisteraus ihren Lebensbahnen doch einmal zusammengeführt, freuen wir uns der Früchte,die diesem Zusammentreffen entsprossen sind, alles übrige sei den beiden Geistes-fürsten selbst überlassen, die aus demselben Mutterboden der deutschen Romantikhervorgegangen sind und sich nun zu denselben lichten Höhen emporgerungen haben.

Neunzehntes Kapitel. Ferdinand Lassalle.

ie Thatsache, daß Heine der erste war, der den Wert und die BedeutungFerdinand Lassalles erkannt und seine Zukunft vorausgesagt hat, ist allgemeinbekannt und oft besprochen worden. Um so mehr ist es zu verwundern, daß dieBeziehungen zwischen diesen beiden Männern weniger bekannt sind. Die Bio-graphen beider wissen darüber so gut wie nichts zu erzählen. Und doch ist dieseBeziehung so wichtig, daß der einzige Biograph Lassalles, Georg Brandes, siegeradezu zum Ausgangspunkte seiner Darstellung gemacht hat.

Als ein neunzehnjähriger Jüngling kam Ferdinand Lassalle nach Paris, an-geblich um dort philologische Studien zu treiben. In Paris lebte damals einVetter von ihm, der später bekannt gewordene Ferdinand Friedland. Dieserwar 1810 zu Pleß in Schlesien geboren, hatte das Gymnasium zu Breslau besuchtund sollte sich,der Väter Sitte ehrend", dem Handelsstand widmen. Er zog esaber vor, aufs Geratewohl 1845 nach Paris zu gehen, wo er anfangs mit hartenEntbehrungen zu kämpfen hatte, bald aber sich heimisch fühlte und mit den bedeutendstenpolitischen und litterarischen Persönlichkeiten in Verkehr trat. Man behauptetedamals sogar, Friedland sei der Vertrauensmann des Herzogs von Dccazes undin nahen Beziehungen zur französischen Regierung. Dieser Mann war es, derLassalle bei Heine einführte. Heine war ein großer Menschenkenner; er hatteeinen seltenen geistigen Scharfblick und eine durchdringende Klarheit in der Be-urteilung der Menschen. Er ließ sich weder von dem äußern Erfolg, noch voneiner gewissen Glätte der Formen oder gar von der Gewandtheit im Ilmgangblenden. Die Einsamkeit hatte ihn abgekühlt für die Dinge dieser Welt; er hattejene ruhige Fassung gewonnen, um Menschen und Dinge zu beurteilen, dieman bei lange Kranken sehr oft findet. Er erkannte in Lassalle sofort diebedeutende geistige Individualität und das Genie der Persönlichkeit. Dieses