198 Richard Wagner.
und von ferneren Beziehungen zwischen beiden ist seit der Abreise Wagners vonParis nichts bekannt. Es haben wohl auch solche Beziehungen nicht mehr statt-gefunden. Und doch, so glaube ich wenigstens, hätte nicht nur der negative Haß,sondern auch die positive Liebe beide Geister bei näherer Verständigung zusammen-führen müssen! Freilich, Heine gehörte dem Deutschland von 1839, der halb-vergangenen Zeit an, Wagner dem der neuern Zeit, der Gegenwart, die andereIdeale auf ihre Fahnen geschrieben hatte und andere Ziele verfolgte als jene.Aber es will uns doch scheinen, als ob die Ansichten beider über Kunst undPoesie gar nicht so weit auseinandergehen. So meine ich, daß Wagner keinenAugenblick angestanden hätte, die Worte Heines zu unterschreiben: „Was ist inder Kunst das Höchste? Das, was auch in allen anderen Manifestationen desLebens das Höchste ist: die selbstbewußte Freiheit des Geistes!" Und auch daskönnte Wagner gesagt haben: „Mit der Ausbildung des Bewußtseinlebens schwindetbei den Menschen jedes plastische Begebnis, am Ende erlischt sogar der Farbensinn,der doch immer an bestimmte Zeichnung gebunden ist, und die gesteigerte Spiri-tualität, das abstrakte Gedankentum, greift nach Klängen und Tönen, um einelallende Ueberschwänglichkeit auszudrücken, die vielleicht nichts anderes ist als dieAuflösung der ganzen materiellen Welt- die Musik ist vielleicht das letzte Wortder Kunst, wie der Tod das letzte Wort des Lebens".
Auf der anderen Seite: Wer, der Heine genau kennt, zweifelt daran, daß erSätzen wie den folgenden freudig zugestimmt hätte: „Der notwendige Drang desdichtenden Verstandes ist daher die Liebe, und zwar die Liebe des Mannes zumWeibe, nicht aber jene frivole, unzüchtige Liebe, in welcher der Mann sich nurdurch einen Genuß befriedigen will, sondern die tiefe Sehnsucht, in der mit-empfundenen Wonne des liebenden Weibes sich aus seinem Egoismus erlöst zuwissen; und diese Sehnsucht ist das dichtende Moment des Verstandes". Oder demfolgenden Satz Wagners, der mit manchem gleichlautenden Heines übereinstimmt:„Der Erzeuger des Kunstwerkes der Zukunft ist niemand anderes als der Künstlerder Gegenwart, der das Leben der Zukunft ahnt und in ihm enthalten zu seinsich sehnt. Wer diese Sehnsucht aus seinem eigensten Vermögen in sich nährt, derlebt schon jetzt in einem besseren Leben; nur einer kann dies — der Künstler".Als Wagner von Paris arm an Erfolgen, reich an Hoffnungen abreiste, da truger an Bord seines Lebensschiffes die Götter der Zukunft. Heines Lebenssonneaber begann sich schon abwärts zu neigen, und darum konnten sich beide aufihren Bahnen nicht mehr begegnen.
Wenn aber der junge Musiker mit großen Hoffnungen in die deutsche Heimatzog, so werden wir wohl kaum fehlgehen, wenn wir auch an seinen neuen Werkendem deutschen Dichter einen gewissen Anteil zuschreiben. Ich habe die Ueber-