Gemeinsame Anschauungen. Tannhäuser. 199
zeugung, daß Heines „Tannhäuser" auf die Dichtung Wagners einen gewissenEinfluß gehabt hat.
In demselben dritten Bande des „Salon", der mit den „Memoiren des Herrnvon Schnabelewopski" beginnt, befand sich auch das Tanzpoem des „Doktor Faust"und jener Teil der „Götter im EM", der später durch die „Göttin Diana" ver-vollständigt wurde. Daß also Wagner, der sich dort willig dem Eindruck derdichterischen Schöpfung gefangen gab, wo er dieselbe, um mit seinem Biographenzu sprechen, erst „aus der frivolen Umhüllung" befreien mußte, hier an dem reinpoetischen Gebilde achtlos vorübergegangen, das unmittelbar auf jene Erzählungfolgte, wird wohl niemand im Ernste behaupten wollen. Um so weniger, wennman bedenkt, daß der Stoff schon den Knaben und Jüngling beschäftigt, daßdiesen schon die Erzählung von Ludwig Tieck und die Geschichte von E. T. A. Hoff-mann unbefriedigt ließen, während der Mann bei Heine alles fand, was er suchteund ersehnte, ja, was auf seinen künstlerischen Gestaltungstrieb notwendig Eindrucküben mußte: den Hauch des einfachen, echten Volksgedichtes in seiner ursprüng-lichen Reinheit und Naivetät.
Wagner selbst erzählt: „Das durchaus moderne Gedicht Tiecks las ich jetzt hierdurch und begriff nun, warum seine mystisch-kokette, katholisch-frivole Tendenz michzu keiner Teilnahme bestimmt hat; es ward mir dies aus dem Volksbuch unddem schlichten Tannhäuserliede ersichtlich, aus dem mir das einfache, echte Volks-gedicht der Tannhäusergestalt in so unverstellten, schnell verständlichen Zügen ent-gegentrat". Nun giebt es aber gar kein Volksbuch vom Tannhäuser, und so istes mehr als wahrscheinlich, daß Wagner das Lied aus der Darstellung Heinesund nicht, wie sein neuester Biograph meint, aus den „Deutschen Sagen" derBrüder Grimm, kennen gelernt hat. Man lese nur die Darstellung des Stoffesund die Bemerkungen dazu bei Heine und bei Wagner, so wird man einewunderbare Uebereinstimmung in der Auffassung und Behandlung des Sujetsfinden, die seltsamerweise bis heute noch wenig beachtet worden ist. Nur einMoment fehlt bei Heine, das Wagner ganz allein gehörte: nämlich die Ver-mählung zweier Sagenmotive und die künstlerische Verwebung des „Sänger-krieges auf der Wartburg" mit dem Tannhäuserstoff zu einem harmonischen Ganzen.Und wenn wir nun Heine folgen, wie er in das Heiligtum des deutschen Volks-gedichts eintritt, ist es uns da nicht, als hörten wir die Stimme Richard Wagnerszu uns sprechen: „Es war mir, als hätte ich in einem dumpfen Bergschacht plötzlicheine große Goldader entdeckt, und die stolz einfachen, urkräftigen Worte strahltenmir so blank entgegen, daß mein Herz fast geblendet wurde von dem unerwartetenGlanz. Ich ahnte gleich, aus diesem Liede sprach zu mir eine wohlbekannteFreudenstimme,- ich vernahm darin die Töne jener verketzerten Nachtigallen, die