Das Eril. Die schwäbische Dichterschule. 173
Angriffe gegen die Hanswurste, die sich daheim auf den Pfühlen des Glückesreckten, indes er die harten Treppen des Eriks auf und ab steigen mußte. Er hattenur die Wahl zwischen gänzlichem Waffenniederlegen oder lebenslänglichem Kampfe.Da wählte er diesen und griff zu den Waffen gegen fremden Hohn, gegenfrechen Geburtsdüntel, gegen die Schergen der Tyrannei, gegen die Knechtseelenund Philisterherzen, die die deutschen Farben entehrten, welche nach seinerUeberzeugung dazu bestimmt waren, einmal die Standarte der ganzen freienMenschheit zu schmücken.
Von diesem Standpunkte aus unternahm er auch den Kampf als Führer des„jungen Deutschland" gegen Wolfgang Menzel und gegen die schwäbischen Dichter.Zu tief waren die sozialen und politischen Gegensätze, die ihn selbst von Uhland,Schwab und Kerner trennten, obwohl er des ersteren dichterische Bedeutung auf-richtig anerkannte und auch dem letzteren, sowie den Genossen beider im Schwaben-lande, bei der kritischen Prüfung mildernde Umstände zubilligte. Aber die Schlicheund Ränke, denen er, der in der Fremde lebende deutsche Poet, fast zehn Jahrelang ausgesetzt war, mußten ihn endlich zum Angriff reizen. Sein „Schwaben-spiegel" war durchaus kein Kampf mit Toten, wie er die Leser glauben machenwollte, sondern ein Akt blutiger Notwehr gegen die „lieben Kleinen von derschwäbischen Dichterschule", die sich gegen sein Gesicht verschworen hatten.
Die Geschichte dieser Verschwörung ist sicher eines der interessantesten Kapitelder neueren Litteraturgeschichte. Sie ist erst jetzt klar geworden und wir wissen,daß es eigentlich nicht die großen prinzipiellen Gegensätze waren, von denen derKampf ursprünglich ausgegangen ist. Wie durch einen blöden Zufall gerät ein Mannan die Spitze dieses Krieges, der innerlich Heine näher steht als den Schwaben,und der seiner ganzen Naturanlage nach am wenigsten sich zum Kämpfer, geschweigedenn zum Führer im Kampfe eignete, nämlich Adelbert v. Chamisso! Freilich,wer in den Biographien Chamissos oder Heines etwas über deren Beziehungensuchen wollte, der würde sich auch heute noch vergeblich bemühen. In den BriefenChamissos wird Heine nicht erwähnt, und in den biographischen Werken überHeine findet sich nur die Thatsache verzeichnet, daß beide miteinander bekannt waren.
Die Bekanntschaft zwischen Heine und Chamisso vermittelte Varnhagen von Enseim Jahre 1822. Schneller als mit allen übrigen Besuchern des Salons der Rahelbefreundete sich Heine mit Chamisso. Der burschikose alte Student, halb Franzose,halb Deutscher, mit seinen seltsamen Manieren und den humoristischem Anstrich mußteHeine besonders gefallen. Und Chamisso scheint damals das Urteil des Varn-hagenschen Kreises über die poetische Begabung des jungen Dichters geteilt zuhaben. Auch bei Eduard Hitzig, dem intimen Freunde Chamissos, und in demSalon der Frau von Hohenhausen, die zuerst Heine als Nachfolger Lord Byrons