132 Die italienische Reise.
Auch an seinen Oheim Salomon Heine schreibt er aus dem Bade Lucca.Freilich ist dieser Brief weniger vergnügt als die andern, dafür aber um so inter-essanter. „Die Natur ist hier schön, die Menschen liebenswürdig. In der hohenBerglust, die man hier einatmet, vergißt man seine kleinen Sorgen und Schmerzen,und die Seele erweitert sich." Gleichwohl will er es nicht ausschieben, die Kümmer-nisse, die sein Herz bedrücken, und die Klagen, die er gegen seine Verwandten zuführen hat, auszusprechen. Diese Klagen sind unberechenbar, denn „sie sind geistigerArt, wurzelnd in der Tiefe schmerzlichster Empfindungen". So ist dieser Briefeigentlich nur ein Seufzer (nebenbei gesagt, thut es ihm leid, daß er „diesen Seufzernicht einmal frankieren kann"),- aber er zeigt, mit welchen Widerwärtigkeiten Heinein seiner eigenen Familie damals zu kämpfen hatte. Das Bewußtsein, eine Peitschezu besitzen, „die von der Höhe der Apenninen bis an die Mündung der Elbehinabreiche", verläßt ihn freilich nie, zugleich aber auch nicht das drückende Gefühl,von dieser Peitsche aus Rücksicht auf seine Abhängigkeit von dem Oheim keinenGebrauch machen zu können.
Von Ponte a Seraglio aus unternimmt Heine zweimal die Partie nach derStadt Lucca selbst. Die Schilderung dieser alten toskanischen Stadt bietet dasFragment: „Die Stadt Lucca" in anschaulichster Weise. Die Stadt war damalsals Herzogsresidenz von größerer Bedeutung und belebter als heute. Der Ein-druck aber, den man jetzt, an einem sonnigen Frühlingsmorgen über die Wällein die Stadt schreitend, empfängt, mag wohl der gleiche sein. Der Dom, die KircheSt. Michele, selbst das Hotel Croce di Malta, in dem Heine, Mathilde undFranceska logiert, sind heute noch wie damals zu sehen, nur daß das Wunder-kreuz des heiligen Nicodemus nicht mehr im alten Kloster, sondern in dem kleinenTempietto von St. Martina aufbewahrt ist, wo es dreimal im Jahre öffentlichausgestellt wird, und daß auf der Piazza del Duomo nicht mehr österreichischuniformiertes Militär nach deutschem Kommando manövriert, während der PalazzoDucale inzwischen zum Palazzo Publica umgewandelt worden ist. Am längstenbehielt Heine den Dom in Erinnerung, die schöne einfache Kirche, deren bunt-marmorne Fassade mit jenen kurzen, llbereinandergebauten Säulchen geziert ist,„die uns so witzig trübe ansehen". Ein Bild dieser Kirche schenkte er ein Jahrnachher der Gattin seines Freundes August Lewald mit folgendem Vers:
Die Kirche siehst Du auf diesem Bilde,
Worin, zu heiliger Stimmung bekehrt,
Signora Frauschcska und Lady MathildeMit Doktor Heine die Messe gehört.
In Lucca verläßt uns Heine. Er reiste von da, wahrscheinlich über Pisa undEmpoli, nach Florenz. Sicher hegte er die Absicht, auch seine weitere Reisetour