Die Bäder von Lucca. 1Z1
So Heine über die Bäder von Lucca. Wer wird nun noch eine weitereSchilderung verlangen? Die Natur hat sich ja auch seitdem nicht verändert. Heutewie damals ist das Thal so reizend, sind die Berge so majestätisch, grünt undblüht die Vegetation so üppig, daß wir gern hier verweilen. Angenehmer mages freilich damals gewesen sein, wo jene gerühmte Kunstzivilisation noch nicht so weitfortgeschritten war wie heute. Die Bäder von Lucca hatten damals sicherlich nochkeinen solchen Luxus, aber auch nicht so viele Bequemlichkeiten aufzuweisen wieheute, wo man Wagen und Pferde, Equipagen, Esel, Magazine, kurz alles, wasman in größeren Bädern sucht und leider auch findet, in reicher Zahl und natürlichzu sehr hohen Preisen erlangen kann. Man braucht auch nicht lange zu suchen,um dort eine Lady Mathilde, eine Signora Franceska, ja selbst einen MarcheseGumpelino zu finden. Die eisenhaltigen Thermen locken alljährlich Tausende ausallen Weiten an, die in diesem lieblichen Thal sich gesund baden oder gesundtrinken wollen und dabei die tausend kleinen Thorheiten und Scherze nicht ver-schmähen, die das Leben des Sommers mit sich bringt.
Und warum auch nicht!
Die toskanischen Nächte sind heute noch so lieblich und lau wie zu HeinesZeiten, ja selbst wie in den Tagen Dantes; noch immer wölbt sich ein hellblauerHimmel mit großen silbernen Sternen über dem Lande; die wilden Lorbeerbüscheund heimlichen Myrten laden auch heute zu verschwiegenem Glücke ein, und dieNymphen des Apennins umschweben uns so gut wie den Dichter mit ihren bräut-lichen Tänzen. Ein Blühen und Flüstern, ein Singen und Klingen geht durchdas Thal in stiller Nacht, und ein Gefühl ruhevollen Glückes erfüllt die Brust desMenschen in dieser gottgesegneten Landschaft. Hier und da kichert es immer nochaus den Myrtenbüschen in verschwiegener Sommernacht, und heimliche Seufzerklagender Liebe sind dann zu vernehmen! O süße Thorheit, verlaß uns nicht!
Es wäre eine müßige Untersuchung, nachzuforschen, ob die Signora Franceskaund die Lady Mathilde aus Heines „Reisebildern" wirklich gelebt haben; in jedemFalle hat Heine dort wohl anmutige Frauen von heißem italienischen Blute undkühnem britischen Unternehmungsgeiste kennen gelernt. So schreibt er an Moser!„Diesen Brief erhältst Du aus den Bädern von Lucca, wo ich jetzt bade undmit schönen Frauen schwatze, die Apenninen erklettere und tausenderlei Thorheitenbegehe. Ich werde noch vierzehn Tage hier bleiben, dann gehe ich nach Florenz,Bologna, Venedig". Auch von seinen Plänen berichtet er dem Freunde. Cottawolle mit ihm ein neues Journal begründen, aber er hat sich noch nicht entschlossen.Er habe keine Freunde, auf deren litterarische Unterstützung er rechnen könnte, erstehe allein; bevor er aber zu einem Entschlüsse komme, wolle er sich noch inItalien „herumamüsieren".