Vor der Reise. Tirol. 125
es uns bekannt ist, scheinen die vorläufige Suspendierung der „Neuen politischenAnnalen", die Heine mit F. W. Lindner zusammen im Verlage von Cotta damalsherausgegeben, sowie die Verzögerung der Ernennung zum Professor, welche, wiebereits erwähnt, Eduard von Schenk für ihn beim Könige Ludwig I. von Bayerndurchsetzen wollte, die Beweggründe gewesen zu sein, welche ihn von Münchenforttrieben. Wie oft saß er damals aus der Terrasse von Bogenhausen undbetrachtete die schneebedeckten Berge, die „glänzend in Sonnenbeleuchtung, aus eitelSilber gegossen" zu sein schienen! „Wenn ich dort in Gedanken saß, war mir'soft, als sehe ich ein wunderschönes Jünglingsantlitz über jene Berge hervorlauschen,und ich Wünschte mir Flügel, um hinzueilen nach seinem Residenzland Italien. Ichfühlte mich auch oft angeweht von Citronen- und Orangedüsten, die von denBergen herüberwogten, schmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nachItalien. Einst sogar, in der goldenen Abenddämmerung, sah ich aus der Spitzeeiner Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Frühlingsgott, Blumen undLorbeeren umkränzten das freudige Haupt, und mit lachendem Auge und blühendemMunde rief er: »Ich liebe dich, komm zu mir nach Italien«!"
Sein Bruder Maximilian, der damals in München seine medizinischen Studienfortsetzte, begleitete ihn am 6. August 1828, wie wir jetzt aus seinem neuerdingsaufgefundenen Reisepaß genau wissen, eine Tagereise weit bis Bad Kreuth an dieTiroler Grenze. In Tirol verfolgte Heine fortwährend die Erinnerung anKarl Jmmermann und an dessen Trauerspiel „Andreas Hoser". In Innsbruckkehrte er im „Goldenen Adler" ein, wo auch Hoser gewohnt hat, und plaudertemit dem Gastwirt Niederkirchner über den alten Helden. Innsbruck selbst erschienihm als eine „unwohnliche, blöde Stadt", und die Standbilder der Hoskircheerweckten nur seine Lachlust. Er blieb nur einen Tag dort. Die zweite größereStadt, die Heine in Tirol gesehen, war Bittren. Dort sind es wieder die Jesuiten,die ihn stören. Die Tiroler selbst gefallen ihm gut. Sie sind „schön, heiter, ehrlich,brav und von unergründlicher Geistesbeschränktheit. Sie sind eine gesunde Menschen-rasse, vielleicht, weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können. Sie geben ihrePersönlichkeit preis, ihre Nationalität". Heine erinnert sich bei dieser Gelegenheitder Geschwister Rainer, deren Nachkommen wir noch heute ihre Tiroler Lieder inunseren Konzertsälen singen hören, und die er auch im Sommer vorher in denKonzertsälen der Londoner fashionablen Welt jene Tiroler Lieder mit bitteremUnmut über dieses Preisgebeil ihrer Nationalität singen hörte. Die trübe Witterungund seine noch trübere Gemütsstimmung ließen ihn einen rechten Genuß in Tirolnicht erleben. Erst im südlichen Tirol klärte sich das Wetter einigermaßen auf,und die Sonne von Italien ließ schon ihre Nähe fühlen. Befangen in Träumenvon Liebe und Wehmut, von Sehnsucht und Hoffnung, von Frühling und Sonnen-