126 Die italienische Reise.
schein, „selbst ein Traum, ging ich nach Italien, und da ich während der Reiseso ziemlich vergessen hatte, daß ich dorthin reiste, so erschrak ich fast, als mich alldie großen italienischen Augen ansahen, und das buntverwirrte italienische Lebenmir leibhaftig, heiß und summend entgegenströmte".
Es war das in der uralten Stadt Trient, wo Heine an einem schönen Sonntag-nachmittag, am 10. August, ankann Er besuchte den alten Dom, schlenderte überden Marktplatz, und es ist charakteristisch, daß ihn alles in der Flucht der neuenErscheinungen so bekannt und eigentümlich anmutet, als hätte er es in seinenKinderjahren schon gesehen und erlebt. Die ganze Stadt erscheint ihm nicht anders,denn als eine hübsche Novelle, die er einmal gelesen, vielleicht sogar gedichtet, under selbst sei jetzt in sein eigenes Gedicht hineingezaubert worden und erschrecke vordem Gebilde seiner eigenen Schöpfung. Erst die dicke Obstfrau am Marktplatzzu Trient ruft ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Nach einer kurzen Nachtruhein der „Locanda del Grande Europa" bestieg er am folgenden Morgen das Fuhr-werk eines italienischen Vetturino, und um die Mittagszeit erreichte er Ala, wodie Vetturine damals einige Stunden zu halten pflegten, um die Wagen zu wechseln.Ala, die heutige Zollstation, erschien ihm schon als ein echt italienisches Nest. DieLage ist pittoresk, an einem Berghang, ein Fluß rauscht vorbei, heiter grüne Wein-reben umranken hier und da die übereinander stolpernden, zusammengeflickten Bettelpaläste. An der Ecke des windschiefen Marktes, der so klein ist wie ein Hühnerhof,steht mit großmächtigen Buchstaben- „Piazza di San Marco!" Nachmittags fuhrer rasch hinab in die lombardische Ebene durch das berühmte Berner Loch (Chiusadi Verona), von dem er seltsamerweise nichts zu berichten weiß, und gegen Abenderreichte er die „uralte, weltberühmte" Stadt Verona.
Verona war damals die wichtigste und schönste Stadt des venezianischen Fest-landes. Hatte Heine die bunte Gewalt der neuen auf ihn eindringendenErscheinungen in Trient nur dämmernd und ahnungsvoll bewegt, so erfaßte sieihn in Verona, der ersten rein italienischen Stadt mit ihren historischen Erinnerungenund herrlichen Denkmälern der Architektur, Skulptur und Malerei, wie „ein mächtigerFiebertraum voll heißer Farben, scharf bestimmter Formen, gespenstischer Trompeten-klänge und fernen Waffengeräusches". Ueberallhin verfolgen ihn diese historischenErinnerungen, und die Steine und Paläste erzählen ihm die Geschichte dergroßen Vergangenheit.
Heine blieb nur einen Tag in Verona. Dieser eine Tag verging aber „inbeständiger Verwunderung ob des nie Gesehenen". Er bewundert die Grabmälerder Skaliger, er staunt das antike Amphitheater an, in dem gerade Komödiegespielt wurde- er zieht staunend an den mächtigen Palästen vorbei, über diePiazza delle Erbe zu dem römischen Triumphbogen, und die Geister der Ver-