Börne und Eonsorten. 41
leinene Beinkleider, Gamaschen von gelbem Nankin und seineschwarze Weste hatte unausstehlich farbige Blumen. An seinerTabakspfeife hingen große gelbe und rothe Troddeln. Er drangder ganzen Gesellschaft die mit sich führende Wnrst auf, schnappstcmit jedem Postillou, konnte seine langen Beine nie zu erwünschterGemächlichkeit bringen, ließ kein vorübergehendes Bauernweibungeueckt, und erschöpfte alle Saufgelage an schlechten Redens-arten. Stach dem Essen schlief der Kerl und schnarchte im Sonnen-schein. Ein Buch fiel ans seiner Seitentasche, das ich in dieHand nahm. Es war Jean Pauls Titan, und tausend Anstricheund Punkte, und alle Ränder vollgeschrieben. Keine Ader hattedieser Hcrzenszergliedcrer beschrieben, die der Feldmesser nichtnachgezeichnet, keine Nerve aufgedeckt, die er nicht durchempfundcn,kein Leid erzählt, dessen Schilderung er nicht alstreu bekräftigt.Manchen Pinselstrich des Malers hatten die Thräncn des anbetendNiedergefallenen ausgelöscht, und oft war der Schleier, mit demder Dichter große Schmerzen umhing, von einer festen, selbst-mörderischen Hand hinweggczogen. In dem frechen Gesellen wareine schöne Seele. Als er aufwachte und das Buch in meinerHand sah, ward er roth und zornig und rief: „Dummes Zeug,ich gebranch's zu Fidibus", und riß wirklich ein Blatt heraus, umseine Pfeife damit anzuzünden. So ist der Mensch!"
Mit welcher bedauernswerthen Frechheit erzählt hier Börne,daß er das aus dem Sack gefallene Buch init den Aufschreibungendes „Langen" durchblättert, als ob eine derartige im gesell-schaftlichen Leben mit Infamie bezeichnete Handlung ganz inder Ordnung wäre. Börne hat gar keine Ahnung, wie er sichdurch Erzählung dieser Unverschämtheit selber jene moralischeOhrfeige gibt, die ihm der erwachende „Lange", als er seineAusschreibungen in Börnes Händen fand, vorenthalten hat.In unserer Zeit, in der man die Frechheit der Börnejungenschon bis zur Uebersättigung genossen, würde der „Lange"von der ganzen Schiffsgesellschaft (insoweit diese christlichenHerkommens war), Recht bekommen haben, wenn er dem Börnegesagt hätte: Eine solche Unverschämtheit, mein aus der Taschegefallenes Buch mit meinen Ausschreibungen in die Hand zunehmen und durchzulesen, sieht Ihrem ganzen Exterieur voll-kommen gleich; die Ohrfeige, welche Sie dafür verdient haben,erlasse ich Ihnen, aber meiner vollsten Verachtung Ihrer Ge-meinheit kann ich Sie versichern." — Was hätte Börne darauferwidern können? Hätte er den „Langen" zu einem Duell ge-fordert? Frechheit und lebensverachtcnde Kampfeslust sind inden seltensten Fällen ein Geschwisterpaar.