Druckschrift 
Zwei Buschmänner
(Börne und Heine)
Entstehung
Seite
9
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Börne und Consorten, 9

I. Bd., S, 195 (Altes Wissen, neues Leben) schreibt Börne:

Die Sittenlehre des Heidenthums ist uns zu enge geworden,wir sind ihr entwachsen. Die Sittenlehre des Christenthums istuns zu weit, wir füllen sie nicht aus und so leben wir nichtohne Sittlichkeit (wir?) Dank, der Güte und Kraftder menschlichen Natur, daß nicht Wahnsinn, nicht Bosheitund Gewalt sie zu zerstören oermochte aber ohne Sitten-lehre leben wir. Die Heiden waren kurzsichtig; sie sahen nichtüber das Grab hinaus. Wie tolle Verschwender vergeudeten siedes Lebens Reichthnm in wenigen irdischen Jahren, aber siestarben satt in Unschuld und Unwissenheit wie die Kinder,und die Kinder sind es, die am nächsten stehen Gottes Throne.Die Christen sind weitsichtig, sie erkennen das Leben nicht, sievermögen nur zu lesen, was mit Sternen am Himmel geschrieben,eine Schrift, mannigfacher Deutung fähig. Wie Geizige häufensie Schätze auf Schätze, Zinsen auf Zinsen, sterben in und amHunger, mit Sünden belastet und dieser Bürde sich bewußt;aber verloren ist, wer sich aufgibt, schuldig ist, wer sichschuldig fühlt. Dort oben gibt es keine Fiskale undVerräther, und keine andere Klage hört der ewigeRichter an, als die der Kläger gegen sich selbst ge-wendet. Sic haben einen Gott des Himmels und einen Gottder Erde geschaffen, die sie als Parteihänpter betrachten, mit dereneinem man es verderben müsse, wolle man mit dem andern eshalten! Man müsse unglücklich sein, um selig zu werden*Als wäre die Erde nicht auch ein Stück des Himmels, als wäredie Zeit nicht auch ein Theil der Ewigkeit, und Gott überall.So bleibt uns wie der Horizont, wo Himmel und Erde sich be-rühren, des Glückes Fülle ewig fern. So stehen wir zitternd aufder zitternden Brücke, die vom Leben zum Tode führt, wagennicht vorwärts zu gehen, haben nicht den Muth zu leben undnicht den Math zu sterben. Freilich sind wir besser als wir denken,sind glücklicher als wir zu sein glauben, aber unsere Seele istHhpochondrisch nicht krank genug am Uebel zu sterben, nichtgesund genug sich wohl zu fühlen. Jede natürliche und gesundeNeigung halten wir für eine Leidenschaft, jede Leidenschaft füreine Sünde, von jeder Sünde fürchten wir, sie werde uns in dieHölle stürzen und zwanzig Mal im Tage zittern wir, der Teufelwerde uns holen. Unglückselige, die wir sind! Der unserlöst, den haben wir gebunden, und so harren wir des neuenMessias, der den Erlöser erlöse, auf den Vater warten wir,der den Sohn mit dem heiligen Geiste versöhne. Kommt dieseZeit des dritten Testaments, dann wird der glückliche Mensch,

* Was so ein Lamden sGelehrter) für reinen concentrirten Unsinnzusammenschreiben kann! Da kann doch nur der jüdische Ladendiener aus-rufen:Wie gaistraich! Jedes Wort Gold bei diesem Börne!"