642 XXIII. Der Kampf um Heine
weniger erregt, und doch genoß Goethe „eine Zeit im tiefstenFrieden". In andern Augenblicken wußte Heine ganz genau, daßihn nicht äußere Umstände verhinderten, das große Kunstwerk zuschaffen, fondern daß die Ursache des Versagens in ihm selber lag.Er machte die Begrenztheit seines Talentes dafür verantwortlich,das eben nur für d'ie Lyrik ausreiche. Auch das ist eine Selbst-täuschung. Unser Dichter besitzt eine poetische Kraft, eine Stimmungs-gewalt wie wenige vor oder nach ihm. Aber er will nicht nurKünstler sein, er will die Stimmung nicht festhalten, sondern erhat es eilig, von der schönen Nebensache zu dem zu kommen, wasihm als die Hauptsache gilt. Er reißt sich selbst und den Leser ausder Stimmung heraus, um politisch, philosophisch oder sonst etwas zuwerden, was mit der Poesie nicht das Geringste zu tun hat. Daherkommt es, daß selbst seine besten Gedichte häufig in Mißklänge aus-tönen. Nicht weil ihm das Talent fehlt, sondern weil er sein Talent^falscher Weise ausnutzt, weil er es für Nebenzwecke vergeudet, ge-lingt ihm kein größeres Kunstwerk, sondern nur das kurze Gedicht.
In der politischen Lyrik, die Heine zwar nicht geschaffen, aberdoch zu einer vorher unbekannten Höhe und Wirksamkeit erhobenhat, glückt ihm die Verbindung von Politik und Poesie, soweit sieüberhaupt erreichbar ist. Die „Zeitgedichte" sind der geeignetsteAusdruck für diesen Mann, der negativ durch den Stoff, positivnur durch die Form wirkt. In ihnen offenbart sich seine Naturmit allen ihren Widersprüchen, in ihrer zweideutigen Doppelstellungzwischen Kunst und Leben, zwischen zwei Religionen und zweiVölkern. Heine selbst hat sich aus diesen Gegensätzen nie zur Klar-heit durchgerungen. Es war eine unmögliche Aufgabe. Wenn eskeinem der gleichzeitigen Romantiker gelang, ein festes Verhältniszur Wirklichkeit zu gewinnen, wie sollte er es, dem die Lösungdieser Lebensfrage durch Geburt, Religion und Abstammung be-sonders erschwert wurde?
Wie war es überhaupt möglich, daß ein Mann von seinerpoetischen Begabung aus dem Schöße unseßhafter, kaum eingewan-derter Juden hervorging? Wie war es möglich, daß er mit allen.