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Heinrich Heine
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639
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Politik und Dichtung

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Hingabe an die Kunst unmöglich machte, weil es ihn veranlaßt?,sie als Mittel zum Zweck, als Stufe zu seinem Aufstieg zu be-trachten. Die Poesie war ihm für die Politik, die Politik für diePoesie unentbehrlich. Börne, der trotz seiner starrköpfigen Beschränkt-heit manchmal über Erwarten klar sah, erkannte diesen Zwiespaltunseres Dichters und stellte ihm das Ultimatum, die Form müsseihm das Einzige sein, wenn sie ihm das Höchste sei; er stellte ihnmit dürren Worten vor die Wahl, sich zwischen Form und Inhalt,zwischen Dichter und Politiker zu entscheiden. Goethe stand vorderselben Frage, als er 1788 aus Italien heimkehrte. Für ihngab es kein Zaudern. Er ließ die Voigt und Fritsch in Weimarregieren und blieb selber nur Dichter. Heine verharrte in derunglückseligen Verquickung zweier unvereinbarer Funktionen, weilin den Augen des jüdischen Emporkömmlings das äußere Werdenmehr galt als das innere Sein. Seine Dichtung litt darunter, daß-er sie als Mittel zum Zweck gebrauchte, seine Politik war gelähmtund fruchtlos, weil sie von einem Dichter ausgeübt wurde.

Wenn ihm als Ziel die „harmonische Verschmelzung der beidenVölker der Sittlichkeit" vorschwebte, wie er Juden und Germanenin den „Geständnissen" nennt, so hat er diese Synthese in sich nichterreicht. Sondern diese beiden Seiten seines Wesens stehen unvermitteltund unversöhnt nebeneinander, wie noch heute die beiden Völker. Daseine gab ihm den Stoff, das andre die Form, das eine spiegeltsich in seiner Politik oder was er für Politik hielt, wider, dasandre in seiner Poesie. Der Zwiespalt blieb bestehen und er hatden Dichter verhindert, sich je zu dem vollen Gefühl der Einheitmit sich selber durchzuringen.

Dadurch erreichte er weder in der Poesie noch in der Politik soviel, als seiner Begabung zukam. Seine politische Wirksamkeit ist außer-ordentlich gering. Er machte die Zeitgenossen mit dem Gedankenvertraut, daß viel Einrichtungen der Vergangenheit überaltert seien,und er riß die Leute aus einer liebgewordenen, aber innerlich wesen-losen Tradition heraus. Er war ein brauchbarer Eklaireur, vielleicht,auch ein tüchtiger Minenleger des Liberalismus, der gute Dienste