Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
633
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Eindringen in die Gesellschaft

wart und die Zukunft. Das Vergangene ist ihm Gerumpel, erlacht über den Plunder und er lacht über die Ehrfurcht, mit derdie andern ihn betrachten. Sie ist ihm unbegreiflich, sie widersprichtseiner Vernunft, und als ein Wesen der Vernunft fühlt er sich denhistorisch denkenden Mitmenschen weit überlegen. Mögen sie ihrHerz an die Vergangenheit hängen, er als praktischer Mensch nutztdie Gegenwart aus und schaut in die Zukunft. Sie bietet ihmgoldene Schätze, statt des Druckes die Freiheit, statt des erzwungenenVerzichtes den Genuß, der ihm jahrhundertelang versagt war. DieEmporkömmlinge wollen genießen. Sie betrachten die Welt, diebisher nur der Schauplatz ihrer Leiden war, nicht als Vaterland,das man von den Ahnen ererbt hat, nm es den Enkeln zu hinter-lassen, sondern als eine große Stätte des Genusses. Nach Sprengungdes Ghettos stehen sie unorganisch da, und das aus dem Zweck-zusammenhang gelöste Individuum muß sich zum Selbstzweckwenden, d. h. es sucht nur den eignen Genuß. Die große Massesucht ihn grob-materialistisch, aber daneben stehen feiner organisierteNaturen, die schon einsehen, daß Kunst und Wissenschaft, Machtund Einfluß in den Dienst des Genusses gestellt werden können,daß sie schon Genüsse an sich sind, ja raffiniertere als die, diesich durch das Geld erkaufen lassen. Sie erkennen den Gehalt, derin den Formen der Vergangenheit sich birgt, sie sehen, daß inihnen das höchste Maß des Lebensbehagens enthalten ist. Wasihnen bisher Plunder dünkte, gewinnt neuen Wert in ihren Augen.Sie wollen es erringen, sie wollen es in jeder Beziehung denengleichtun, die bisher die Genießenden waren. Darin liegt eineAbsage an die klare Vernünftigkeit, ein Kompromiß mit der Ver-gangenheit, mit dem historisch Gewordenen und Bestehenden. DieEmporkömmlinge begeben sich ihrer Freiheit, sie wollen das Vor-handene nicht mehr zerstören, sondern sich selbst in das Alte hinein-leben, nicht weil sie es ehren, sondern weil es die Formen enthält,in denen man den Wert des Lebens auskosten kann.

Die Teilnahme am europäischen Kulturleben, die der aufstrebendeJude fordert, besteht in der Beteiligung an seinen Genüssen; die