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XXIII. Der Kampf um Heine
besten Leistungen das Erlebnis völlig in der reinen Form ver-flüchtigt. Diese ist immer echt. Ihr Wesen und ihr Wert bestehendarin, daß sie in der Seele des Hörers und Lesers dieselben Vor-stellungen und Empfindungen erweckt, die der Dichter in sie gelegthat. Nicht durch sein Erlebnis, sondern durch die Fähigkeit deranderen, sein Werk nachzufühlen, wird der Beweis der Echtheiterbracht. Der Künstler will wirken, und in dem Maße der Wirkung,die er auf andere ausübt, liegt die Bedeutung seines Werkes. DerKunstkritiker mag von dem Throne seiner Weisheit herab erklären,daß die „Lorelei" ein sentimentales Gedicht, daß ihre Melodietriviale Mache sei, ihm stehen die Millionen gegenüber, die dasLied singen und die dadurch beweisen, daß diese Worte und dieseTöne das wenige an höherer Empfindung zum Ausdruck bringen,das ihnen ein gequältes Berufsdasein und die Sorgen des grauenAlltags übrig lassen. Der Ästhet mag über Popularität witzeln,zum Schluß ist doch die Allgemeingültigkeit der einzige Prüfsteindes Kunstwerks, den wir besitzen. Heines Lied besteht, und damitist der Kampf um den Dichter Heine entschieden. Sein Lied besteht,und darum ist es echt. Das ist die Hauptsache, eine ganz unter-geordnete Nebenfrage, welchen Platz man ihm im Verhältnis zuGoethe einräumen will.
Man hat Heine vorgeworfen, daß er ohne Nationalgefühl sei,daß er Napoleon und Frankreich verherrlicht, Deutschland dagegenund alles Deutsche verhöhnt habe. Seine Verteidiger weisen daraufhin, daß Goethe und Hegel den Kaiser mindestens ebenso bewun-derten und rühmten, daß Platen und andere von dem damaligenDeutschland ebenso verächtlich sprachen, und sie sind in der Lage,jeder deutschfeindlichen Äußerung des Dichters eine deutschfreund-liche entgegenzustellen. Heine hat auch das Christentum und dieReligion geschmäht. Auch in diesem Falle können seine Freundemit Recht einwenden, daß Schiller gegen den christlichen Glaubeneher noch schärfere Ausdrücke gebraucht hat und daß selbst dieschlimmsten Angriffe Heines gegen die Religion nicht so gehässigklingen wie das bekannte Epigramm Goethes, in dem er unter