Mensch und Dichter
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geliebt. Wie konnte er überhaupt wissen, was Liebe sei? „ErlogenerLiebesschmerz" war alles, was er da erzählte. Man begreift, daßdie Verehrer Heines darauf bedacht waren, den Gegenbeweis zuerbringen. Sie triumphierten, als die Forschung allmählich ausden einzelnen Indizien die Sicherheit gewann, daß der Dichternicht nur Amalie, sondern auch die zweite Cousine, vielleicht auchnoch die Gräfin Bothmer echt und unglücklich geliebt hatte. In denAugen der Biographen besaßen diese Ergebnisse nicht nur diegrößte Bedeutung für das Leben des Menschen, möglicherweise auchfür seine künstlerische Entwicklung, sondern dadurch wurde seinePoesie selber gerettet. Das Erlebnis war gefunden und Heine da-durch als Dichter rehabilitiert. Seine Lyrik war nun echt, so guterlebt wie die Goethes.
Wir müssen uns daran gewöhnen, daß zwischen dem Leben unddem Schaffen des Künstlers nur ein sehr schwaches Band besteht.Der Künstler lebt im Gegensatz zu den gewöhnlichen Menschenin zwei Daseinsformen, im Reiche der Wirklichkeit wie jeder einzelnevon uns und im Reiche der Form, in die er und nur er jedeneinzelnen durch sein Werk erheben kann. Der Zusammenhang zwischendiesen beiden Reichen wird durch seine Person hergestellt, aber erist oder kann wenigstens in dem untern Stockwerk ein ganz andererMensch als in dem obern sein. Der große Mensch kann ein sehrkleiner Künstler, der große Künstler ein kleiner Mensch sein.Poesie ist nicht Charakter, auch nicht Talent, sondern Stimmung.Der Ästhetiker muß das Kunstwerk als solches, unabhängig vondem Leben seines Schöpsers, betrachten, wie die Werke Shakespearesoder Homers, Dichter, von deren irdischem Dasein wir nichts oderso gut wie nichts wissen. Heines Poesie bleibt dieselbe, sie wirdweder besser noch schlechter, weil man jetzt mit ziemlicher Sicherheitsagen kann, dies Gedicht ist an Therese, dies an Amalie, dies andie Gräfin Bothmer gerichtet. Das Verhältnis ist gerade umgekehrt.Die Kunst erscheint um so reiner, um so freier von irdischenSchlacken, je weniger sie durch das Erlebnis beschwert wird, undes ist ein Vorzug der Heineschen Poesie, daß sich gerade in ihren
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