Geständnisse
601
und Deutschland, zum Kommunismus und zur Hegelschen Philo-sophie. Das Ergebnis der Entwicklung wird dahin zusammengefaßt:„Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf allen Tanz-böden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistesmich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne be-friedigt worden zu sein, wie Messaline nach einer lüderlichen Nacht— jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt, woraufauch -der Onkel Tom steht, auf dem der Bibel, und ich kniee nebendem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht." -—
Die Andacht ist aber nicht dieselbe. Der Neger aus „OnkelToms Hütte" ist ein bibelgläubiger Christ, Heine dagegen kehrte zumJudentum zurück. Der Aufsatz erhebt sich zu einer VerherrlichungMoses und der Juden. Sie „waren immer Männer", heißt esvon ihnen, „gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals,sondern bis auf den heutigen Tag". Der Verfasser ist „stolz darauf,daß seine Ahnen dem edeln Hause Israels angehörten". Er nimmtseine Lieblingsidee, die er schon bei der Besprechung des „Kauf-manns von Venedig" angedeutet hatte, wieder auf, daß eine geistigeVerwandtschaft zwischen Juden und Germanen bestehe. In dennachgelassenen „Gedanken und Einfällen" bemerkte er: „Die Ger-manen ergriffen das Christentum aus Wahlverwandtschaft mitdem jüdischen Moralprinzip, überhaupt dem Judaismus. Die Judenwaren die Deutschen des Orients, und jetzt sind die Protestanten in dengermanischen Ländern (in Schottland, Amerika, Deutschland, Holland)nichts anders als altorientalische Juden." Juden und Germanen sinddie beiden Völker der Bibel und der Sittlichkeit, und als ihre Synthese,als eine Verbindung des germanischen und jüdischen Geistes stellt sichder Dichter hin, wenn es auch nicht klar ausgesprochen wird.
Es läßt sich denken, daß diese Tendenz dem lebhaftestenWiderspruch begegnete. Der „Göttingische gelehrte Anzeiger" wiessie als „Anmaßung" des „im Wesen des Judentums gefangenen"Verfassers zurück, die „Grenzboten" bezeichneten zwar die Aus-führungen über Jehovah und das Alte Testament als die schönsten,sogar einzig lesbaren Teile der „Geständnisse", tadelten aber