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Historien 591
erringt. Hier schweigt die Empörung. Die Stimmung des Dichtersübernimmt die Rolle des Schicksals und trägt uns zu einer Höheempor, wo es nur noch ein Gefühl gibt, das der reinen ästhe-tischen Befriedigung.
Heine behandelt in den „Historien" zumeist geschichtliche Stoffe,aber die Behandlung ist durchaus ungeschichtlich. Er bemüht sichnicht wie die Romantiker und wie er selber früher, durch kleine Mittel,womöglich durch altertümelnde Worte und veraltete Wendungen einKolorit der Vergangenheit festzuhalten, sondern als echtem Dichterist ihm jede Zeit gegenwärtig, jeder Vorgang spielt und jede Personlebt in der Gegenwart. So verfuhren Shakespeare und Calderon.Die Zeit hat für die Dichtung höchstens eine symbolische Bedeutung,darüber hinaus kennt diese keine Vergangenheit. Heine schildertMenschen, keine Wesen einer bestimmten Epoche. Dem beliebtenExotismus der Spätromantiker dagegen macht er gelegentlich Zu-geständnisse, allerdings wird dieses Prahlen mit einem fremdartigenAufputz durch die Sprache des Dichters abgeschwächt, die sich derdes Alltags nähert. Die Bilder sind spärlich, die Ausdrücke häufigtrivial, die Erzählung verläuft eintönig, ohne daß die Stimmegehoben wird, wie man eben zu einem Kranken spricht. Aber geradein dem Gegensatz zwischen dem schauerlichen Inhalt und der müdenSelbstverständlichkeit des Vortrages beruht der geheimnisvolle Reizder „Historien".
Die „Lamentationen" entspringen der gleichen Stimmung wiedie „Historien", nur daß in ihnen subjektiv ausgesprochen wird,was dort objektiv dargestellt wurde. Sie enthalten, besonders diezwanzig Gedichte, die die Gesamtüberschrift „Lazarus" tragen,Klagen über das eigne Schicksal, Anklagen gegen eine Welt der„UnVollkommenheit", in der der Gerechte leidet, der Ungerechtegenießt, der Reiche immer reicher und der Arme immer ärmerwird. Das Glück entflieht, das Unglück dauert. So lautet dasMotto der Abteilung:
Das Glück ist eine leichte Dirne,nnd weilt nicht gern am selben Ort;