Romanzero
585
den religiösen Gehalt seiner neuesten Gedichte nicht anerkannte.Denn selbst eine scharfe Satire wie die „Disputation" (I, 464) inder Franziskaner und Rabbinen ihre grob-materialistischen Gvltes-anschauungen vortragen und ihre Religionen gegenseitig im Wort-gefecht herunterreißen, hielt er für ein Gott wohlgefälliges Werk,„Sein" Gott konnte dabei nur gewinnen, wenn die Götter derandern in den Staub gezogen wurden. Für den Leser freilich wirdes immer eine offene Frage bleiben, ob die wahre Gottesverehrungsich darin zeigt, daß man das verhöhnt, was andern verehrungs-würdig erscheint?
Im Jahre 1854 überraschte Heine das deutsche Publikum nachdem „Buch der Lieder" und den „Neuen Gedichten" mit einerdritten und letzten großen Gedichtsammlung, dem „Romanzero", wieder von Campe gegebene, von dem Verfasser dankbar angenommeneGesamttitel lautet, weil der Romanzenton in ihr vorherrscht. Wäh-rend aber die früheren Sammlungen zumeist nur zusammenfaßten,was in langen Jahren entstanden und zum großen Teil auch schonveröffentlicht war, das „Buch der Lieder" die Jugendlyrik bis1828, die „Neuen Gedichte" in der Hauptsache die der ersten zwölfPariser Jahre, enthielt der „Romanzero" fast nur unbekannte Ge-dichte und beinahe nur solche, die in den letzten drei Jahren, alsoin der Zeit der Erkrankung verfaßt waren. Einzelne gehen zwarin eine viel frühere Periode zurück, so erschien „Altes Lied" schonim Jahre 1824 in der „Agrippina" und dürfte zur Zeit der„Traumbilder" entstanden sein, und auch das kraftvolle, znkunft-sichere Kampflied „An die Jungen" gehört einer Vergangenheit an,die von den Schrecken der Matratzengruft noch nichts wußte:Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirrendurch goldne Äpfel in deinem Lauf!
Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren,doch halten sie nicht den Helden auf.
Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen,ein Alexander erbeutet die Welt!
Kein langes Besinnen! Die Königinnenerwarten schon knieend den Sieger im Zelt,