Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
583
Einzelbild herunterladen
 

Gewissenskonflikt

583

durch die Unterhaltung der Besucher angespornt wurden. Dannerwachte der alte Heine wieder, und die Zweifel von ehemalstauchten wieder auf. Er spottete dann über den eignen Kinder-glauben und fragte:

Warum schleppt sich blutend, elend,unter Kreuzlast der Gerechte,während glücklich als ein Siegertrabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwaunser Herr nicht ganz allmächtig?

Oder treibt er selbst den Unfug?

Ach, das wäre niederträchtig!

Also fragen wir beständig,bis man uns mit einer HandvollErde endlich stopft die Mäulcraber ist das eine Antwort?

Solche Gedanken ließen sich nicht unterdrücken. Der Dichter besaßwohl die Gläubigkeit eines Kindes, aber die Denkkraft eines Mannes.Jedoch mit einer gewissen Rabulistik suchte er sich und seinemGotte zu beweisen, daß seine himmlische Majestät durch solcheÄußerungen nicht berührt werde, daß der arme Knecht keinen Hoch-verrat an seinem Herrn begehe. Er hatte Angst, daß ihm jede Regungder Vernunft durch eine neue Qual, jeder Spott durch eine schlaf-lose Nacht, jeder Zweifel durch verstärkte Schmerzen vergoltenwerde. Er stemmte sich fest in seiner Gläubigkeit, er suchte jedeKritik zu unterdrücken, denn in der Unterwerfung sah er daseinzige Mittel, den Zorn des Himmels, der schwer auf ihm lastete,zu entwaffnen.

Diese Auffassung entsprach der Lehre des Alten Testamentes,dem knechtischen Geist und der Furcht des Herren, die dort ge-predigt werden. Aber dieser Glaube, den sich ein naives Hirten-volk vor mehreren tausend Jahren geschaffen hatte, konnte dengeistigen Bedürfnissen eines hochstehenden modernen Menschen nichtgenügen. Die Nähe dieses menschlichen Gottes konnte ihm in seinenverzweifelten Nächten auf dem bitteren Krankenlager wohltun,