Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
581
Einzelbild herunterladen
 

Gottesglauben

581

Isaaks und Jakobs. Seinem Bruder Max, der ihm gerade in jenenJahren sehr nahestand, ließ er keinen Zweifel, daß er zu demJehova des Alten Testamentes zurückgekehrt sei, und im Mai 1849schrieb er ihm:Leb wohl, mein teurer Bruder, der Gott unsererVäter erhalte Dich! Unsere Väter waren wackere Leute: siedemütigten sich vor Gott und waren deshalb so störrig undtrotzig den Menschen, den irdischen Mächten gegenüber; ich da-gegen, ich bot dem Himmel frech die Stirne und war demütigund kriechend vor den Menschen und deswegen liege ich jetztam Boden wie ein zertretener Wurm. Ruhm und Ehre dem Gottin der Höhe!"

Heines Gott ist der Gott des Alten Testamentes, wie ihn Mosesin übermenschlicher, und doch wieder echt menschlicher Größe ge-zeichnet hat, ein Gott, der dem Anschauungsbedürfnis eines naiven,kindgläubigen Volkes entspricht und der noch heute die Phantasiemächtig bezwingt als das Höchste, was menschliche, von jeder Spe-kulation freie Gestaltungskraft zu schaffen vermag. An dem Bilddieses Gottes hat das Denken keinen Anteil, und gerade dadurchentsprach es den Bedürfnissen des kranken Dichters, der sich mitEkel von der Dialektik der Hegelianer und der Phraseologie derSaint-Simonisten abkehrte. Dieser Gott ist ganz Anschauung, Kraft,Leben, Sein. In furchtbarer Erhabenheit thront er über der Welt,bereit, zu vergeben, aber noch mehr bereit, den Sünder zu ver-nichten, der an seiner Herrlichkeit zu zweifeln wagt. Heine selbsthat sein Bild gezeichnet:

Unser Gott ist nicht die Liebe;

Schnäbeln ist nicht seine Sache,denn er ist ein Donnergottnnd er ist ein Gott der Rache.

Seines Zornes Blitze treffenunerbittlich jeden Sünder,und des Vaters Schulden büßenoft die späten Enkelkinder.

Unser Gott, der ist lebendig,und in seiner Himmelshalle