Lektüre
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auch auf dem Kraukenbette nicht, und wenn trotzdem manches Stückaus jener Zeit nicht die Vollendung der früheren Poesien aufweist,so liegt es an äußeren Umständen. Der Sekretär wurde müde,Campe drängte, der Dichter selbst brauchte Geld und verzichteteauf nochmalige Durcharbeit wie beim „Atta Troll" oder „Winter-märchen" in der Überzeugung, daß das Publikum die Unvollkommen-heiten doch nicht bemerken werde.
In den schmerzenfreien Stunden, die nicht der Arbeit gewidmetwaren, las der Dichter viel, zunächst zahlreiche medizinische Schriften,um sich selber einen Begriff von seiner Krankheit und seinen Aus-sichten zu verschaffen. Sie mögen ihm wenig Tröstliches und nochweniger Brauchbares gesagt haben. Die Bibel lag stets auf seinemTisch, er las sie häufig, besonders das Alte Testament. Zu ihrerErgänzung ließ er sich die neuesten theologischen Werke vonTholuck und anderen vorlesen. Religiöse Probleme beschäftigtenihn in den Jahren der Krankheit in besonderem Maße. Ob esfranzösische oder deutsche Bücher waren, machte ihm keinen Unter-schied, aber er bevorzugte die deutsche Lektüre, wie er auch keinefranzösischen Ärzte an seinem Lager haben wollte. Die Zeit derKrankheit bedeutet, ohne daß es dem Dichter zum Bewußtsein kam,eine seelische Annäherung an die alte Heimat, an das Land seinerKindheit. Aus Kölner und Hamburger Leihbibliotheken bezog er dieBücher, die der Unterhaltung dienten, Reisebeschreibungen, Romane,historische Schriften. Campe sandte ihm die Werke seines Verlages,besonders Vehses „Geschichte der deutschen Höfe" interessierte denDichter so, daß er geneigt war, den Verfasser für einen großenHistoriker zu halten. Befreundete, aber auch unbekannte Autorenschickten ihm ihre Schriften. Die meisten erhielten einen Dank vollAnerkennung, aber außer an den wenigen, die ihm wie AlfredMeißner persönlich nahestanden, nahm Heine an keinem besonderenAnteil, nicht einmal an den zwei bedeutendsten, an Grillparzerund Hebbel, obgleich der erstere ihn einst in Paris besucht hatte,der andere großen Wert auf sein Urteil legte. Dagegen verfolgteer Dickens' Aufkommen mit regem Eifer, dessen Werke er aber