570 XX. Dcr Zusammenbruch
Höhen, wo es kein Leiden mehr gibt; sie verließ den gequältenLeib, nm in das Land der reinen Poesie zu flüchten, in jene Heimat,wo der Dichter, mag er nun krank oder gesund sein, allein seineBehausung hat. Wer dort lebt, ist bei aller Körperqual stets „sehrheiteren Gemütes und die lustigsten Gedanken springen ihm durchsHirn". „Meine Phantasie", konnte der Dichter schreiben, „spieltmir in schlaflosen Nächten die schönsten Komödien und Possen vor."Dadurch wurde seine Seele „ruhig wie ein Spiegel" und hatte manch-mal noch „ihre schönen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge".Es mag ihm schwer geworden sein, den Bleistift zuerst wieder indie schwachen Hände zu nehmen, den ungeschickt großen Bogen imBette zu halten, es mag für ihn ein Kampf gewesen sein, das Opiumzu überwinden und sich zur Klarheit der Anschauung durchzuringen,aber wenn er die Verse vor sich hinsummte, dann „kirrten" siedie Schmerzen. „Ein Poet ist und bleibt ein Narr!" rief er wohlaus, aber er selbst wußte es besser; er wußte, daß er ein Glück-licher ist, ein Glücklicher, der das Glück besitzt, neben dem irdischenDasein zwischen Nachtstuhl und Arzneiflaschen ein zweites Lebenzu führen, in einem Lande, wo es keine Erlebnisse, sondern nurnoch Anschauungen gibt.
Das Schaffen wurde Heine dadurch sehr erschwert, daß er sich nichtan das Diktieren gewöhnen konnte. Er hatte zwar beständig einendeutschen, zeitweilig sogar einen deutschen und französischen Sekretär,unter denen Karl Hillebrand der bedeutendste, Richard Reinhardtder ausdauerndste war, aber er diktierte ihnen nur seine Briefe.Die Werke schrieb er selber, die Gedichte zeichnete er meist in seinenschlaflosen Nächten auf, und dann begann das Ordnen und Aus-feilen. Jeder Ausdruck wurde nachgeprüft, jedes Wort auf dieGoldwage gelegt. Der Sekretär verzweifelte ob der Pedanterie desKranken, aber dieser ließ nicht nach, er wußte, daß eine falscheWendung das Schicksal eines Gedichtes, die falsche Gruppierungdas Schicksal eines Buches entscheiden konnte. „Der ordnendeGeist", rühmte er sich, „gehört zu meinen Haupteigenschaften."Sein feines Ohr für Tonfall und Rhythmik verließ den Dichter