Die Matratzengruft 565
Gehirn blieb unberührt, aber die Gesundheit des Geistes steigertenur die Entsetzlichkeit der körperlichen Tragödie, die der Patientals völlig klarer Beobachter des eignen Leidens und Verfalles ansich erleben mußte. Das Übermaß der Schmerzen zwang zu sehrstarkem Gebrauch des Opiums und zu schneller Steigerung dertäglichen Dosen. Es gab Stunden, wo die Sinne des Patientendurch das Betäubungsmittel völlig benommen waren, aber es gelangihm stets und anscheinend ohne allzu große Anstrengung, die Herr-schaft über seine geistigen Kräfte zu gewinnen. Sein Hirn wardem Opium gewachsen. Die Ärzte standen seiner Krankheit rat- undhilflos gegenüber, aber da sie doch für ihr Geld etwas tun mußten,plagten sie den Leidenden mit sinnlosen Kuren und Heilmitteln, dieihm meist noch nicht einmal die geringste Erleichterung verschafften.Ein ungarischer Charlatan, dem Heine sich in die Hände gab, ver-sprach ihm Genesung, aber seine Wundertinktur raubte nurdie letzten Kräfte des Dichters. So schrieb er im August 1848an seinen Bruder: „Ich weiß nicht, woran ich bin, und keinermeiner Ärzte weiß es. So viel ist gewiß, daß ich in den letztendrei Monaten mehr Qualen erduldet habe, als jemals die spanischeInquisition ersinnen konnte."
Nach seiner Rückkehr aus Passy bezog er eine Wohnungin der Rne d'Amsterdam, vier Treppen hoch in einem trostlosenHinterhause. Nur an den Spätnachmittagen des Hochsommers fielein müder Sonnenstrahl in die Krankenstube des Dichters. DieTreppen waren so eng, daß es nur unter unsagbaren Mühen undKosten möglich war, den Dichter hinunterzutragen. Schon aus diesemGrunde mußte er in den sechs Jahren, in denen seine Matratzen-gruft in dieser schrecklichen Armeleutebehausung stand, auf jedenAusgang verzichten. In den langen Jahren sah er, der Dichterdes „Buchs der Lieder", keinen grünen Baum, konnte nie zumblauen Himmel emporblicken und vernahm keines Vogels Gesang.Statt dessen peinigte ihn die Sommerhitze von Paris und quältenihn die Geräusche des großen Miethauses. Auf dem Hofe spieltendie Kinder, in der Nebenwohnung hämmerten zwei Damen un-