Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
566
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S66

XX. Der Zusammenbruch

unterbrochen auf dem Klavier und in seinen eignen engen Räumenkreischte der Papagei und wirbelte Mathilde hin und her. Es wareine qualvolle Leidensstätte — „ein Grab ohne Ruhe", heißt es1851 im Nachwort des „Romanzero", „der Tod ohne die Privi-legien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefeoder gar Bücher zu schreiben brauchen".

Gegen Ende des Jahres 1849 trat eine leichte Besserung ein. DerDichter fand in vr. Gruby einen verständigen Arzt, der nichts Unmög-liches unternahm, sondern nur den Rest des vorhandenen Lebens zuretten versuchte. Es gelang, das eine Auge zu erhalten, die krampfhaftenAnfälle wurden seltener, die Lähmung der Kinnbacken hob sich und derGeschmack kehrte wieder. Das Essen wurde ein Genuß für den Kranken,der stets einen guten Tisch und guten Trunk geliebt hatte, und dieKöchin wurde zur Hauptperson in seinem Haushalt, wichtiger bei-nah als seine Frau und die Mulattin, die ihn Pflegte und vomBett auf den Stuhl, vom Stuhl in das Bett trug. Das Essen undder Nachtstuhl, das sind die beiden Pole, um die sich das Lebendes Dichters drehte, die „Erlebnisse", die ganz gewiß nicht zurErklärung seiner Poesie dienen können. Teilweise der leichtenBesserung, teilweise dem Einfluß des neuen Arztes, in der Haupt-sache aber seiner eignen unverwüstlichen Lebenszähigkeit ist eszuzuschreiben, daß Heine ein ruhigeres Verhältnis zu seiner Krankheitgewann. „Ich liebe das Leben mit so inbrünstiger Leidenschaft",schrieb er seinem Bruder, und diese Lebensleidenschaft hielt ihn inder Hölle der Qualen aufrecht. Es sind nicht die Erfolge desDichters, nicht das Glück, daß er trotz des tiefsten Elendes nochschaffen konnte, das sein kümmerliches Leben von Tag zu Taghinfristete, sondern es sind die kleinen Genüsse, die selbst die Kranken-stube gewährt, das Glas Rotwein zum Frühstück, der gute Bratenzum Mittag, der Besuch, der bei ihm vorsprach, die Blumen oderdie Süßigkeiten, die man ihm mitbrachte.

Ein Kranker wird schon durch seine Hilflosigkeit zum Kinde. Kind-heitserinnerungen und Bilder aus der Jugend, die der Dichter längstvergessen glaubte, lebten wieder auf, füllten die vielen einsamen Stunden,