546 XX- Der Zusammenbruch
der Dichter sich verpflichte, nie eine Zeile gegen seine Familiezu schreiben.
Heinrich Heine hatte den um ein Dutzend Jahre jüngerenVetter Karl stets als seinen Freund betrachtet, er hatte ihn seiner-zeit, als er in Paris an der Cholera erkrankte, gepflegt und da-mit gewiß einen hohen Beweis seiner Liebe und Aufopferung ge-geben. Später spielte Karl in einem Konflikt seines Vaters unddes Dichters eine sehr zweifelhafte Rolle, indem er einen Brief,der zwar an seine Adresse gerichtet, für den Onkel aber mitbestimmtwar, diesem verheimlichte. Man darf annehmen, daß er schon da-mals dem Dichter grollte und die Kluft zwischen ihm und seinemVater zu erweitern suchte. Teilweise mag er durch seine Frau auf-gestachelt sein, eine geborene Fould-Furtado aus Paris. Zwischenihr und dem Dichter bestanden vor ihrer Verheiratung gewisse Be-ziehungen, nach seiner eignen Äußerung eine „mystische Geschichte".Er behauptete, daß er ihr Liebhaber gewesen sei. Wir wissen nichtsdarüber; uns ist nur bekannt, daß Heine ein paar bissige, imGrunde aber doch harmlose Bemerkungen über zwei Mitgliederdieser reichen Bankierfamilie gemacht hatte. Man mag sie ihm ver-übelt haben, aber sie boten doch kaum den Anlaß, einen so schweren,vernichtenden Streich gegen ihn zu führen. Die Ursache lag tiefer.Die Hamburger Familie fürchtete Heine, sie fürchtete, daß er ge-wisse Dinge, die unter allen Umständen geheim bleiben mußten, aus-plaudern könne. Karl Heine griff nach dieser Gelegenheit, um denVetter in Paris von sich abhängig zu machen und ihn an dieKette zu legen, sei es nun, daß er die Vernachlässigung des Dichtersin Gemeinschaft mit seinem Schwager Halle, dem Verfasser vonSolomon Heines Testament, absichtlich herbeigeführt hatte, sei es,daß er die von seinem Vater vergessene Konstituierung der Rentenur ausnutzte. Es müssen sehr üble Sachen vorgelegen haben, sonsthätte der Dichter nicht drohen können, daß er sich „ganz ruhig anden Pranger stellen werde, aber umgeben von seiner ganzen liebenFamilie, die auch am Pranger stehen, aber weit verdrießlichereGesichter schneiden wird als ich, der ich dergleichen schon etwas