538 XIX, Deutschland
Kennst du die Hölle des Dante nicht,die schrecklichen Terzetten?
Wen da der Dichter hineingesperrt,den kann kein Gott mehr retten —
Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn jeaus diesen singenden Flammen!
Nimm dich in acht! daß wir dich nichtzu solcher Hölle verdammen!
In solchen Fällen folgen wir Heine, gleichgültig ob wir alsPolitiker ihm beistimmen oder nicht. Die Poesie trägt über dieTagesfragen empor. Sobald der Leser aber zu überlegen anfängt, obder Verfasser recht hat und ob seine Satire begründet ist, ist derpoetische Zauber gebrochen. Wir weilen nicht mehr im Lande derPoesie. Wo die Empörung anfängt, hört die Dichtung auf. Dasgilt gewiß für den Schluß des „Wintermärchens", in dem einebetrunkene Dirne als Verkörperung der Stadt Hamburg auftrittund in einein Nachtstuhl dem Dichter die Zukunft des deutschenVaterlandes zeigt. Es ist ekelhaft und wird noch ekelhafter, wennman dazu die Versicherung erhält, daß das Herz des geschmack-vollen Verfassers „rein und keusch wie das Feuer" sei und daßdie „edelsten Grazien" die Saiten seiner Leier gestimmt haben.
Daran kann keine Berufung auf Aristophanes etwas ändern.Heine hat von dem griechischen Komiker nicht viel gewußt. Inder „Romantischen Schule" stellte er ihn als „ritterschaftlichen undolympisch-katholischen" Reaktionär dein Euripides gegenüber undwiederholte die Phrasen der Romantiker über die Weite seinerWeltanschauung, die seine „scherzenden Tragödien" tragischer alsdie der eigentlichen Tragiker mache. Erst nach der Aufführung der„Frösche" in Berlin scheint er den Griechen gelesen zu haben, undda dessen Stücke vor seinen Augen wie vor denen des Romantikersauf dem Thron Gnade fanden, so nahm unser Dichter geschmeicheltden ihm beigelegten Ehrentitel eines deutschen Aristophanes an undverglich sich selbst gerne mit diesem „Liebling der Kamönen".Gewiß besitzen die beiden Dichter Ähnlichkeit, sowohl in derSüßigkeit ihrer Lyrik wie in der Bitterkeit ihrer Satire und der