Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
532
Einzelbild herunterladen
 

532

XIX. Deutschland

die Französin über einige mechanisch eingelernte Redensarten niemalshinauskam. Um Mitte Dezember traf der Dichter wieder in Paris ein.

Die Frucht seiner Reise nach Deutschland war das „Winter-märchen". Nach seinen Andeutungen darf man annehmen, daß ihmder Gedanke, seinen Besuch in der Heimat poetisch zu behandeln,bereits auf der Rückfahrt gekommen war. Die Ausführung gingrasch vonstatten, und schon im Februar 1844 konnte er seinemVerleger melden, daß das „humoristische Reiseepos" fertig sei.„Sie werden sehr mit mir zufrieden sein," schrieb er Campe, „unddas Publikum wird mich in meiner wahren Gestalt sehen. MeineGedichte, die neuen, sind ein ganz neues Genre, versifizierte Reise-bilder, und werden eine höhere Politik atmen als die bekanntenStänkerreime." Im April war auch der letzte Gesang mit der Wid-mung an den König von Preußen verfaßt. Mit noch größererSelbstgefälligkeit bemerkte Heine damals, daß er zwar nicht prahle,aber sicher sei, daß sein Werk „mehr Furore als die populärste Bro-schüre" machen und „dennoch den bleibenden Wert einer klassischenDichtung" haben werde. Ein gleichzeitiges Schreiben an Meyerbeerklingt etwas anders. Ihm schrieb der Dichter, daß sein neuesgroßes Gedicht „politisch und schlecht" sei. „Die Musen mögen esmir verzeihen!" Mag auch das Lob mit Rücksicht auf den Ver-leger etwas kräftig aufgetragen sein, so beweist doch schon die Wahldes Shakespeareschen Titels, daß Heine eine sehr hohe Meinungvon seinem Werke hegte. Er scheute sich nicht die Erinnerungan den Größten wachzurufen.

Das „Wintermärchen" (ll, 423) sollte ein Seitenstück des„Sommernachtstraumes" sein. Es besitzt aber keinen von den Vor-zügen, die „Atta Troll" trotz mancher Mängel zu einer großen Dich-tung machen, es ist kein Erzeugnis des befreienden Humors, sonderndes Witzes. Es ist nur negativ, ohne daß hinter der Negation ein sitt-licher Gegenwert stände, und wäre es auch nur eine aus bitteren Lebens-erfahrungen gewonnene tief pessimistische Weltanschauung. Der Ver-fasser amüsiert sich selber am besten bei seinem Spott, besser als derLeser, er fühlt sich glücklich, wenn er alles verneint, woran andre glauben,